Ein lose gestrickter, wichtiger Roman mit Anspruch

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nessabo Avatar

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Tomer Gardi war mir zuvor kein Begriff und ich weiß auch nicht, ob ich seine zukünftigen Werke weiterverfolgen werde, obwohl „Liefern“ einen durchaus wertvollen Beitrag in der literarischen Welt darstellt. Sprachlich war er jedoch anspruchsvoll geschrieben und hat mir deshalb einiges an Fokus abverlangt.

Die sechs Episoden hängen inhaltlich nicht wirklich zusammen, nehmen immer neue Menschen und Städte in den Blick. Lose verbunden werden sie durch etwas, das viel zu selbstverständlich zum modernen Stadtbild zu gehören scheint: die sogenannten Rider der diversen Lieferdienste. Was scheinbar ebenso selbstverständlich zu deren Arbeitsrealität gehört, thematisiert Gardi fast wie nebenbei in seinen essayhaften Texten.

Ich mochte diesen nebensächlichen Anschein, der fast spielerisch die Realität hervorhebt. Hier mal schnell noch ein Essen bestellt, weil der Tag wieder zu wenige Stunden hatte, dort den Einkauf wegen des schlechten Wetters nach Hause bringen lassen - über die Personen, die diese Wege übernehmen, machen wir uns wohl nur in den seltensten Fällen wirklich Gedanken.

Genau dazu verleitet uns der Autor allerdings hier deutlich, ohne dabei allzu wertend zu sein. Manchen mag das zu schonend vorkommen, für mich war es ausreichend. Denn aus seinen Worten spricht sehr wohl eine kritische Komponente, die in mir stark resoniert hat. Über die kapitalistische Ausbeutung der Rider hat mensch vielleicht schon mal etwas gehört, Gardi gibt ihnen darüber hinaus aber auch ein interessantes Profil. Die Leben und Erfahrungen der Rider im Buch stehen für sich und sind so divers wie die Personen selbst. Ihr Beruf ist ein Teil dieser Leben, der gleichermaßen wichtig wie nebensächlich erscheint.

So sehr ich die politische Dimension dieses Werks mochte, so herausfordernd fand ich den Sprachstil. Tomer Gardi erzählt alles andere als stringent, er springt nicht nur zwischen den einzelnen Episoden, sondern teilweise auch mittendrin von Figur zu Figur. Das erfordert ein aufmerksames Lesen und ich musste mich immer wieder zur Ordnung rufen, weil mein Gehirn versucht hat, den verbindenden roten Faden zwischen den Charakteren zu finden. Dass es ihn nicht so wirklich gibt und sie ein Teil ihrer Realität dennoch verbindet, fand ich ebenso faszinierend wie anstrengend. Am Ende verbindet der Autor vereinzelt Geschichten miteinander, was auf mich aber manchmal etwas erzwungen wirkte und weitere wichtige Themen wie White Saviorism und Rassismus ein wenig in den Hintergrund drängte.

In den einzelnen Abschnitten konnte ich mich oft auch irgendwann einfinden in die Erzählung und für den hohen Anspruch liest sich der Text erstaunlich gut. Ich hätte mir allerdings trotzdem etwas mehr Zugänglichkeit und Präzision gewünscht. Schade fand ich zudem, dass die Fülle der Figuren den Aufbau einer emotionalen Beziehung zu ihnen verhinderte. Seine politische Schlagkraft entfaltet der Roman im Subtilen, was nicht verkehrt ist, mich aber dennoch überwiegend mit ein paar Fragezeichen zurücklässt.