Geschichten von Essenslieferanten

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timphilipp Avatar

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Das bequeme Bestellen von Essen mit der anschließenden schnellen Anlieferung durch Boten verbreitet sich immer mehr in unserer Gesellschaft. Doch haben wir uns schon einmal Gedanken über das Leben dieser Boten gemacht, die wir meistens kaum wahrnehmen? Dieses Buch bietet nun dafür hinreichend Anlass. Der Autor hat mehrere Geschichten über Essenslieferanten verfasst, die überall auf der Welt unterwegs sind – in Tel Aviv, Delhi, Berlin, Istanbul, Buenos Aires. Wir machen quasi eine Weltreise, die sehr rasant und atemberaubend verläuft (für meine Begriffe schon fast zu schnell). Die Schicksale dieser Essensboten sind, wenn wir die Wohlstandsmaßstäbe unserer deutschen Gesellschaft ansetzen, unfassbar. Da ist etwa der eritreische Flüchtling, der von seinem letzten Aufenthaltsort Tel Aviv unbedingt zur Zusammenführung mit seiner Familie nach Berlin will und sich mit Essensauslieferungen durchschlägt, oder der Türke in Istanbul, der trotz Universitätsabschlusses in Literatur im korrupten türkischen System keine Anstellung findet und deshalb vom Ausliefern lebt, oder die allein erziehende Inderin, die auf dem Motorrad Essensbestellungen im gefährlichen Straßenverkehr Delhis ausfährt. Allen gemeinsam ist, dass sie Ausbeutung, Gefahren, Rassismus und Diskriminierungen ausgesetzt sind, das aber aushalten, um „was zu werden“. Positiv ist, dass die einzelnen Kapitel, die den Fokus grundsätzlich auf jeweils einen Lieferanten legen, nicht lose aneinandergereiht sind, sondern in ihnen als Bindeglied die Protagonisten früherer Kapitel erneut auftauchen. Ein Tüpfelchen auf dem i ist noch, dass ein Kapitel von dem kurzen Zusammentreffen des Erzählers selbst mit einem Boten erzählt. Der Autor soll mehrere Jahre für das Buch recherchiert haben, was in den guten lokalen Kenntnissen gut erkennbar wird. Bei dieser Gelegenheit lernen wir Vieles über lokale Besonderheiten der einzelnen Länder, z.B. das indische Lichterfest Diwali, dass sich Istanbul mit Touristenschönheitsoperationen einen großen Bekanntheitsgrad verschafft hat, die Rosenindustrie Kenias.
Ein Buch mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik, geeignet für Globetrotter und an globaler Politik Interessierten.