Gesellschaftskritisch und leichtfüßig, aber mit einem großen Manko
Tomer Gardi verbindet in „Liefern“ verschiedene Geschichten und Schauplätze miteinander, die zunächst eher lose nebeneinanderstehen, sich nach und nach aber zu einem größeren Ganzen zusammenfügen. Dieses episodische Erzählen hat mir ziemlich gut gefallen. Die einzelnen Geschichten lassen sich angenehm lesen und durch die Verbindungen zwischen den Figuren entsteht trotzdem das Gefühl eines zusammenhängenden Romans.
Gardis Schreibstil empfand ich als locker, flüssig und sehr zugänglich. Ich brauchte keine lange Eingewöhnungsphase, sondern war schnell mitten im Leben der jeweiligen Figuren. Besonders gelungen fand ich, wie leichtfüßig der Roman teilweise daherkommt und dabei gleichzeitig ausgesprochen ernste gesellschaftliche und politische Themen behandelt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren finanzielle und rechtliche Situation ihnen kaum Handlungsspielraum lässt. Wer dringend Geld verdienen muss, kann schlechte Arbeitsbedingungen eben nicht einfach ablehnen. Gerade die Perspektive der Lieferanten macht deutlich, wie bequem es sich diejenigen machen können, die am anderen Ende dieses Systems lediglich auf „Bestellen“ klicken müssen. Das hat mich unweigerlich dazu angeregt, mehr über das eigene Konsumverhalten und die Menschen hinter solchen Dienstleistungen nachzudenken. Gesellschaftskritisch funktioniert der Roman für mich deshalb ausgesprochen gut, ohne erhobenen Zeigefinger.
Ein großes Manko hat meinen positiven Gesamteindruck allerdings erheblich geschmälert: die Darstellung der Frauen. Während viele der männlichen Figuren eigene Geschichten, Wünsche, Probleme und Widersprüche bekommen, erschienen mir die Frauen erstaunlich häufig vor allem über ihre Beziehung zu Männern definiert. Sie sind Ehefrau, Exfrau, Mutter oder Objekt der Begierde, bleiben dabei aber für mein Empfinden wesentlich blasser als die männlichen Charaktere. Gerade bei einem Roman, der gesellschaftliche Strukturen so aufmerksam betrachtet, fand ich diese Einseitigkeit besonders schade. Ich hätte mir gewünscht, dass Gardi seinen weiblichen Figuren dieselbe Komplexität und Eigenständigkeit zugesteht wie seinen männlichen Protagonisten. Für mich war das nicht nur eine kleine Schwäche, sondern ein Punkt, der meine Begeisterung für das Buch deutlich gebremst hat.
Trotzdem ist „Liefern“ ein ungewöhnlicher und sehr gegenwärtiger Roman. Die internationale Perspektive und die miteinander verwobenen Geschichten zeigen, wie ähnlich sich Abhängigkeiten, wirtschaftlicher Druck und die Sehnsucht nach einem besseren Leben an ganz unterschiedlichen Orten der Welt sein können. Besonders empfehlen würde ich das Buch Leser*innen, die gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur mögen und sich gerne mit den weniger sichtbaren Seiten unseres alltäglichen Konsums beschäftigen. Sprachlich und konzeptionell hat mich der Roman überzeugt, bei der Ausgestaltung seiner weiblichen Figuren leider deutlich weniger.
Gardis Schreibstil empfand ich als locker, flüssig und sehr zugänglich. Ich brauchte keine lange Eingewöhnungsphase, sondern war schnell mitten im Leben der jeweiligen Figuren. Besonders gelungen fand ich, wie leichtfüßig der Roman teilweise daherkommt und dabei gleichzeitig ausgesprochen ernste gesellschaftliche und politische Themen behandelt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren finanzielle und rechtliche Situation ihnen kaum Handlungsspielraum lässt. Wer dringend Geld verdienen muss, kann schlechte Arbeitsbedingungen eben nicht einfach ablehnen. Gerade die Perspektive der Lieferanten macht deutlich, wie bequem es sich diejenigen machen können, die am anderen Ende dieses Systems lediglich auf „Bestellen“ klicken müssen. Das hat mich unweigerlich dazu angeregt, mehr über das eigene Konsumverhalten und die Menschen hinter solchen Dienstleistungen nachzudenken. Gesellschaftskritisch funktioniert der Roman für mich deshalb ausgesprochen gut, ohne erhobenen Zeigefinger.
Ein großes Manko hat meinen positiven Gesamteindruck allerdings erheblich geschmälert: die Darstellung der Frauen. Während viele der männlichen Figuren eigene Geschichten, Wünsche, Probleme und Widersprüche bekommen, erschienen mir die Frauen erstaunlich häufig vor allem über ihre Beziehung zu Männern definiert. Sie sind Ehefrau, Exfrau, Mutter oder Objekt der Begierde, bleiben dabei aber für mein Empfinden wesentlich blasser als die männlichen Charaktere. Gerade bei einem Roman, der gesellschaftliche Strukturen so aufmerksam betrachtet, fand ich diese Einseitigkeit besonders schade. Ich hätte mir gewünscht, dass Gardi seinen weiblichen Figuren dieselbe Komplexität und Eigenständigkeit zugesteht wie seinen männlichen Protagonisten. Für mich war das nicht nur eine kleine Schwäche, sondern ein Punkt, der meine Begeisterung für das Buch deutlich gebremst hat.
Trotzdem ist „Liefern“ ein ungewöhnlicher und sehr gegenwärtiger Roman. Die internationale Perspektive und die miteinander verwobenen Geschichten zeigen, wie ähnlich sich Abhängigkeiten, wirtschaftlicher Druck und die Sehnsucht nach einem besseren Leben an ganz unterschiedlichen Orten der Welt sein können. Besonders empfehlen würde ich das Buch Leser*innen, die gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur mögen und sich gerne mit den weniger sichtbaren Seiten unseres alltäglichen Konsums beschäftigen. Sprachlich und konzeptionell hat mich der Roman überzeugt, bei der Ausgestaltung seiner weiblichen Figuren leider deutlich weniger.