Konsumgesellschaft auf der Anklagebank

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lena.br Avatar

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"Liefern" ist ein Buch, das Dinge tut, die Tomer Gardi besonders gut kann. Mit einer - für ihn typischen - ordentlichen Portion Witz und Absurdität erzählt er Begebenheiten, die beim ersten Lesen zwar vielleicht noch amüsieren, spätestens beim erneuten Hinschauen aber zum ersten Mal für Gänsehaut sorgen. Dass in diesem Roman Essenslieferanten im Mittelpunkt der Handlung stehen fand ich besonders spannend, da Leser:innen so einer Personengruppe folgen, die sonst in der Masse verschwindet.

Die Konsum- und Wegwerfgesellschaft in der wir leben wird von Tomer Gardi schonungslos angeprangert, Missverhältnisse und Ungerechtigkeiten ausgestellt und angeklagt. Gleichzeitig macht er auch die grausamen Ambivalenzen unserer Gesellschaft offensichtlich. Denn die Existenz von Filmon, den Arbeiterinnen auf der Rosenplantage hängt in gewisser Weise auch von den - im Überfluss lebenden - Konsumierenden ab und dessen sind sie sich schmerzhaft bewusst.

"Liefern" bewegt zum Nachdenken. Der Schreibstil ist einzigartig. Leider hat er nicht immer ganz meinem Geschmack entsprochen, was seiner Qualität aber selbstverständlich keinen Abbruch tut. Ich bin etwas unschlüssig, was den roten Faden des Buches betrifft. Während ich mir stellenweise etwas mehr Verknüpfung der einzelnen Episoden gewünscht hätte, bewirkt die Vielfalt der Passagen gleichzeitig, dass erst wirklich deutlich wird, mit was für einem weltumfassenden Problem wir es hier zu tun haben. Definitiv ein lesenswertes Buch!