Leider nicht wirklich abgeliefert

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galaxaura Avatar

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„Liefern“, der neue, meiner Meinung nach eher Episoden-Roman von Tomer Gardi, erschienen 2026 bei Tropen/Klett-Cotta, vom Verlag beworben als weltumspannendes Gegenwarts-Epos, hat mich leider nie so richtig reingezogen und berührt, auch wenn das Thema sehr gut gesetzt ist und der Autor sprachlich durchaus überzeugt sowie eine clevere Konstruktionsarbeit betreibt. Dennoch hat es mich einfach nicht gepackt, was unter anderem daran liegt, dass eine sehr lange Vorbereitungsarbeit betrieben wird – und das Finale dann eher versackt.

„Liefern“ beschäftigt sich in sechs Episoden mit den Menschen, die wir alle täglich sehen, die wir aber beim Sehen nie sehen, die Lieferant:innen, die uns Wege und Erledigungen abnehmen und dabei durchgehend ausgebeutet werden. Weltweit haben sich Menschen daran gewöhnt, alles immer verfügbar zu haben. Dieser Dauerkonsum wird von Gardi in seiner Ausprägung zurecht kritisiert. Gardi fordert schon mit der ersten Episode einen Perspektivwechsel ein und liefert diesen auch. Dennoch kommen einem die Menschen in seinen Geschichten nicht nahe, vielleicht, weil er sie realistisch nicht nur als Sympathen schreibt, vielleicht aber auch, weil er doch nicht genug in die Tiefe arbeitet und sich zwischendurch in seinem eigenen Buch verliert.

Die längste Episode des Buches, „Mimesis“, die auch eine Episode ist, die der Autor auf Hebräisch geschrieben hat, formt das Zentrum des Buches und könnte eventuell schon länger in der Schublade gewartet haben, zumindest hatte ich den Eindruck, dass der Roman um diese Episode drumherum geschrieben wurde.

In der ersten Episode, „Indie-Go“ lernen wir Filmon aus Eritrea kennen, der zur Coronazeit in
Zeit Tel Aviv gestrandet ist, seine Frau Daniat und seine Tochter Israel sind schon in Berlin, er will hinterher, und das ganze Elend der Flucht wird gut gerahmt, Thema Familienzusammenführung, Thema schlecht bezahlte Jobs, Geld schicken müssen, versorgen, alle verdienen am Elend, der Vermieter, die Jobbörse, der Lieferdienst, in Berlin die Familie, die Daniat hilft. Viel Last. Wenig Leben. Eine Beziehung, die nur noch im facetime besteht.
Der ungesicherte Status, nie Fehler machen dürfen. Das alles wird präsent, aber bleibt skizzenhaft.

Die zweite Episode, „A new passage to India“, vollführt einen Ortswechsel nach Indien, die Verbindung zur ersten Geschichte ist die Sprachkursdozentin Nina von Daniat und Israel in Berlin, die nun nach Delhi reist für ein Projekt. Wir werfen hier einen Blick auf die Upper Class und auf Kulturarroganz, auf ein hierarchisches System, auf Privilegien und mangelnde Integration, auf die Benachteiligung von Frauen und erneut auf ein Liefersystem. In dieser Episode bleiben viele Fragen offen, was sich durchziehen wird, in kleinen Teilen tauchen viel später Antworten auf, einiges bleibt für immer unbeantwortet.

In der dritten, schon angesprochenen Episode „Mimesis“ geht es in die Türkei, es geht um Schönheitschirurgie-Tourismus und Haartransplantation, geliefert werden hier auch Menschen und Träume, die Themen werden größer, was ist Identität? Die Symbolik der Haartransplantation ist augenfällig, hier geht es an die Wurzeln. Die Situation der Lieferfahrenden wird erneut ausführlich beleuchtet, und langsam stellt sich Redundanz ein, ohne viel neue Erkenntnis. Immerhin kommt es zu Organisation und Widerstand – der Ausgang? Bleibt erneut offen. Diese Episode nimmt fast ein Drittel des Buches ein und auch insgesamt sind wir nun schon bei zwei Dritteln – mit noch immer nur loser Verknüpfung.

In der vierten Episode „Der Tausch“ finden die Geschichten endlich zusammen
und dadurch kommt nach diesem sehr langen Aufbau das Buch in Schwung. Mit einer noch einmal neuen Figur, Pavan, der Filmon, inzwischen in Deutschland in Berlin angekommen, im Deutschkurs kennenlernt, geplant war Nina als Lehrerin, wird das Lieferthema noch einmal potenziert: Beide arbeiten bei Lieferdiensten, beide neiden dem anderen den Job (Indie-Go, RatzFatz), denn ja: Auch bei solchen Jobs gibt es noch eine Hierarchie. Also wird der Job getauscht, mit fatalen Folgen. Gut herausgearbeitet hier vom Autor: Die Absurdität nach der Flucht nach Berlin wieder im gleichen Job zu landen. Und die Scham, in Richtung der alten Heimat, dass man jetzt gar nicht wirklich besser lebt, dass man noch immer arm ist, schlechte Jobs hat.

Bleiben noch die Episoden „Das blaue Handy“ – die einfach überkonstruiert und nicht glaubwürdig ist in ihrer Radikalität – und zuletzt noch „Rosen“, die wirklich nur noch sehr lose im Zusammenhang steht über die allgegenwärtigen Rosenverkäufer – und ein feministisch betrachtet doch sehr merkwürdiges Fazit zieht.
Die Konstruktion ist über- und durchschaubar, sie wirkte auf mich leider immer wieder etwas bemüht. Mit der Hälfte der Seiten als klarer Erzählband wäre hier meiner Meinung nach eine für das Buch gute Entscheidung getroffen worden. Vielleicht ist mir vieles thematisch auch zu vertraut, vielleicht habe ich auch nur zuvor zwei wirklich sehr starke Bücher gelesen, so dass Liefern mich nicht gekriegt hat – bei interessanten Einzelgeschichten und immer wieder auch sprachlich sehr schönen Momenten. Es wirkt auch so, als ob der Autor seine eigenen Ideen nicht wichtig nimmt – ein Beispiel dafür die Titel der Episoden, die am Anfang noch einen Bedeutungsraum öffnen, dann aber einfach nur noch 1:1 sind – so etwas finde ich sehr schade.
Indie-Go ist klar der Lieferdienst, aber eben auch die Farbe Indigo, was eines der ältesten Pigmente ist und massiv für das Färben von Jeans eingesetzt wurde, unter ganz schlimmen Bedingungen für die Menschen, die in den Färbereien gearbeitet haben, das war zumindest direkt meine Assoziation.
A New Passage To India ist eine sehr klare Referenz auf A Passage To India von E. M. Forster und nimmt dadurch Bezug auf den Kolonialismus, der sich in seiner Struktur in diesem Kapitel auch immernoch zeigt im 21. Jahrhundert, so z.B. direkt am Anfang, als kurz die Debatte über das „imaginierte, vermittelte Indien“ versus das „wirkliche Indien“ aufkommt – und natürlich hat der Autor da einen Punkt.
Mimesis ist für mich der am weitesten aufgeladene Titel, in der Tierwelt ist Mimesis die Tarnung, die Fähigkeit, sich der Umgebung in einer Art anzupassen, dass man für den Fressfeind uninteressant oder unsichtbar wird oder auch genau die Tarnung, mit der man sich an die Beute anschleicht, bei Aristoteles, kleiner hatten wir es nicht, ist es das Prinzip der Nachahmung. Beides passt für mich supergut auf die Episode, die Männer, die sich einem Männlichkeitsbild wieder anpassen wollen, die sich auch in Deutschland in das Bild hineinstrecken, aber auch die Figur Resul, der „Agent“, der sich tarnt bis zum großen Paukenschlag.
Der Tausch funktioniert in dem System auch gerade noch so, da der Titel immerhin mit dem Tausch der Deutschkurse, bei Nina vielleicht auch dem Tausch der Welten spielt und dem dann später realen Tausch der Jobs. Da gibt es zumindest ein Spiel mit der Erwartungshaltung.
Aber dann? Das blaue Handy beschreibt einfach nur das Handy, um das es geht und den blauen Punkt auf der digitalen Roadmap. Und am Ende dann „Rosen“. In dem Kapitel geht es um: Rosen.
So etwas verstimmt mich. Das wirkt so lustlos, so „hatte da mal ne Idee aber war dann auch nicht mehr weiter wichtig“.

Wer sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat, wird hier vielleicht wirklich den gewünschten Perspektivwechsel erleben und unter dem Aspekt ist es bestimmt ein lesenswertes Buch. Ich hätte mir mehr Stringenz und Sog gewünscht und deutlich weniger Redundanz.