Lieferanten und sehr viele weitere Leute

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Laut Klappentext befasst sich "Liefern" von Tomer Gardi mit den allgegenwärtigen Essenslieferanten, ihren Erfahrungen mit Rassismus und Ausbeutung und ihren Wünschen und Sehnsüchten. Ich wohne in einer Gegend, in der die Lieferanten zum Stadtbild gehören. Auf dem Platzl um die Ecke treffen sie sich, machen Pause, warten auf die nächste Lieferung. Und seit längerem schon habe mich gefragt, was wohl ihre Geschichten sind. Was hat sie hierher verschlagen? Und was haben sie für Arbeitsbedingungen, die sie so kamikazemäßig durch die Straßen brettern lassen? "Liefern" wollte ich daher unbedingt lesen, verspricht es doch Antworten auf meine Fragen. In Romanform, aber trotzdem bestens recherchiert, so entnahm ich der Ankündigung.

Nun habe ich das Buch gelesen und bleibe mit gemischten Gefühlen zurück. Nicht enttäuscht haben mich die Einblicke in den Alltag der Lieferanten in verschiedenen Städten. Der Leser begleitet verschiedene Lieferanten rund um den Globus, die jeweils aus der Ich-Perspektive berichten. Man erfährt, wie sie in dem Job gelandet sind, ein bisschen über ihre Ziele und Träume. Die meisten Lieferanten sind als Geflüchtete in das Land gekommen, in dem sie arbeiten. Und eher nebenbei in Nebensätzen erfährt man hin und wieder etwas über ihre Flucht, die Gründe und ihre Erlebnisse unterwegs. Dies Abschnitte mit den Lieferanten fand ich interessant und aufschlussreich und auch gut erzählt. Gern wäre ich tiefer in die Geschichten der Lieferanten abgetaucht.

Demgegenüber treten Personen auf, die die Lieferdienste in Anspruch nehmen. Das fand ich anfangs eine gute und interessante Idee. Aber dann wird es immer wirrer. Die Wege der Protagonisten aus den unterschiedlichen Städten kreuzen sich teilweise. Das ist teils nachvollziehbar, teils ziemlich konstruiert. Man folgt einer deutschlehrenden Studentin nach Delhi. Dort lernt sie einen Mann kennen, der mit einer Essenslieferantin kollidiert. Zwei Freunde reisen zu einer Haartransplantation. In Berliner Kneipen werden kenianische Rosen verkauft. Warum das alles? Mir hätte das Buch besser gefallen ohne all diese Nebenschauplätze. Durch die musste ich mich streckenweise richtig durchquälen. Grundsätzlich gefallen hat mir der Nebenschauplatz Kenia. Diese Episode fand ich ganz gelungen – sie passte allerdings ebenfalls nicht zum Rest des Buches. Die Geschichte von Akiny, ihrer Familie, den Freunden vom Campingplatz und den Rosen für Europa könnte ich mir ausführlich erzählt sehr gut als ein eigenes Buch vorstellen.

In "Liefern" werden wahnsinnig viele Handlungsstränge aufgemacht. Für meinen Geschmack sind es zu viele. Statt vieler Schicksale, die kurz angerissen werden, wären mir weniger Schicksale mit mehr Tiefe lieber gewesen.

Tomer Gardi hat sich ein wichtiges und allgegenwärtigen Thema ausgesucht. Die Umsetzung hat mich jedoch leider nicht überzeugt.