Liefert im Nachgang
Wie ich sie verfluch(t)e: mit leisen Elektrorollern fahren sie auf Radwegen und über Fußgängerbrücken, schneiden eine im Überholen von links und von rechts und bescheren damit mehrere Schrecksekunden - Essenslieferanten. Zwar war mir klar, dass sie in prekären Lebensumständen leben, trotzdem waren sie mir ehrlichgestanden des Öfteren ein Ärgernis. Tomer Gardi hat dem Abhilfe verschaffen und liefert mit "Liefern" ein eindringliches Bild von den Menschen, die durch unsere Bequemlichkeit nicht nur prekär, sondern fast schon versklavt leben müssen.
Wir folgen im gesamten Buch, das sich aus mehreren Erzählungen zusammensetzt, schier zahllosen Schicksalen von Menschen, die liefern. Die ihr Glück in einem anderen Land oder einer anderen Stadt suchen und egal was ihr Hintergrund ist, sie finden sich zu dieser undankbaren Arbeit, die ihnen vor allem eines beschert: Stress. Und kaum Verdienst. Sie müssen kämpfen, um ihren Online-Status nach oben zu treiben, den jede schlechte Bewertung könnte ihnen zum Verhängnis werden und ihnen ihre Lebensgrundlage entziehen.
Aber wer glaubt, Gardi tut das mit erhobenen Zeigenfinger, der irrt. Die meisten Einzelschicksale werden humorig erzählt, wir lernen Lieferanten und Lieferantinnen aus und auf der ganzen Welt kennen, erfahren Momentaufnahmen aus ihrer Biographie, hetzen mit ihnen von Auftrag zu Auftrag, verweilen mit ihnen beim Fischen und beim Erzählen über ihr Leben, lernen andere Personen kennen, die die ein oder andere Berührung mit ihnen hatten, staunen über Absurdes und darüber, dass eine Geschichte dann plötzlich abbricht.
Die Figuren, die Gardi schildert, sind nicht zwangsläufig sympathisch, oft nerven sie sogar gewaltig - besonders zu Beginn, im ersten Kapitel "Indie-Go", in dem wir Filmon als Lieferant in Israel begleiten, dachte ich mir manchmal: ich werde dieses Buch nicht beenden können, die Art und Weise dieses Typen ist einfach nur nervig. Nächste Szene, nächste Protagonist*innen und es wurde besser. Ich kann nicht leugnen, dass das Buch bis zum Schluss ein kleiner Lesekampf war, teilweise war es etwas schwer, die Zusammenhänge zusammenzubekommen, ABER: das Buch hallt nach und erst nach Beendigung fand bei mir der Prozess der Begeisterung statt. Langsam dämmerte mir, wie genial der Autor die Zusammenhänge der Figuren global zusammenführt. Und wie gesellschaftskritisch er dabei agiert, unterschwellig, denn es muss erst sickern. Es gibt viele Leerstellen, Geschichten die begonnen und nicht fertig erzählt werden, aber die Lebensgeschichten, über die wir lesen, sind nur Einzelaufnahmen und alle teilen sie das selbe Schicksal: sie sind dem kapitalistischen System ausgeliefert.
Mein Fazit: "Liefern" ist ein rasanter Roman in Episoden, der es weiß, die unterschiedlichen Protagonist*innen fein miteinander zu verweben und ihre Gemeinsamkeiten unterschwellig herauszuarbeiten. Es ist ein kritisches Buch, dass erst verdaut werden muss, ehe es seine vollkommene Wirkkraft entfaltet. Eine klare Leseempfehlung, die aber Durchhaltevermögen voraussetzt.
Wir folgen im gesamten Buch, das sich aus mehreren Erzählungen zusammensetzt, schier zahllosen Schicksalen von Menschen, die liefern. Die ihr Glück in einem anderen Land oder einer anderen Stadt suchen und egal was ihr Hintergrund ist, sie finden sich zu dieser undankbaren Arbeit, die ihnen vor allem eines beschert: Stress. Und kaum Verdienst. Sie müssen kämpfen, um ihren Online-Status nach oben zu treiben, den jede schlechte Bewertung könnte ihnen zum Verhängnis werden und ihnen ihre Lebensgrundlage entziehen.
Aber wer glaubt, Gardi tut das mit erhobenen Zeigenfinger, der irrt. Die meisten Einzelschicksale werden humorig erzählt, wir lernen Lieferanten und Lieferantinnen aus und auf der ganzen Welt kennen, erfahren Momentaufnahmen aus ihrer Biographie, hetzen mit ihnen von Auftrag zu Auftrag, verweilen mit ihnen beim Fischen und beim Erzählen über ihr Leben, lernen andere Personen kennen, die die ein oder andere Berührung mit ihnen hatten, staunen über Absurdes und darüber, dass eine Geschichte dann plötzlich abbricht.
Die Figuren, die Gardi schildert, sind nicht zwangsläufig sympathisch, oft nerven sie sogar gewaltig - besonders zu Beginn, im ersten Kapitel "Indie-Go", in dem wir Filmon als Lieferant in Israel begleiten, dachte ich mir manchmal: ich werde dieses Buch nicht beenden können, die Art und Weise dieses Typen ist einfach nur nervig. Nächste Szene, nächste Protagonist*innen und es wurde besser. Ich kann nicht leugnen, dass das Buch bis zum Schluss ein kleiner Lesekampf war, teilweise war es etwas schwer, die Zusammenhänge zusammenzubekommen, ABER: das Buch hallt nach und erst nach Beendigung fand bei mir der Prozess der Begeisterung statt. Langsam dämmerte mir, wie genial der Autor die Zusammenhänge der Figuren global zusammenführt. Und wie gesellschaftskritisch er dabei agiert, unterschwellig, denn es muss erst sickern. Es gibt viele Leerstellen, Geschichten die begonnen und nicht fertig erzählt werden, aber die Lebensgeschichten, über die wir lesen, sind nur Einzelaufnahmen und alle teilen sie das selbe Schicksal: sie sind dem kapitalistischen System ausgeliefert.
Mein Fazit: "Liefern" ist ein rasanter Roman in Episoden, der es weiß, die unterschiedlichen Protagonist*innen fein miteinander zu verweben und ihre Gemeinsamkeiten unterschwellig herauszuarbeiten. Es ist ein kritisches Buch, dass erst verdaut werden muss, ehe es seine vollkommene Wirkkraft entfaltet. Eine klare Leseempfehlung, die aber Durchhaltevermögen voraussetzt.