Lose verbunden, weltweit verstrickt - Geschichten von globaler Ausbeutung
Filmon versucht in Tel Aviv als Lieferfahrer genügend Geld zu verdienen, um zu seiner Frau und Tochter nach Deutschland zu reisen. Nina verliebt sich während eines Austauschsemesters in Neu Delhi in den Argentinier Rámon. Sachin muss in Neu Delhi als alleinstehende, seltene weibliche Essenslieferantin die Existenz ihrer kleinen Familie sichern. Der Erzähler reist mit einem Freund zur Haartransplantation nach Istanbul und trifft dort auf den studierten Essenslieferanten Resul. Ciervo versucht in Argentinien der drohenden Armut als Essenslieferant und Onlinespieler zu entgehen. Akiny findet in Kenia endlich Arbeit auf einer Rosenfarm.
All diese Handlungsstränge und Schicksale verbindet der Autor geschickt miteinander, sodass sie sich teilweise nur an den Rändern berühren und dennoch mitunter großen Einfluss aufeinander haben. Erzählt wird dadurch in Episoden und mit dem Fokus auf verschiedene Einzelschicksale, die wenig miteinander zu tun haben und dadurch wenig zusammenhängend wirken. Über einzelne Figuren würde man teilweise gern mehr wissen, andere bekommen dagegen zu viel Raum. So wirkt der Abschnitt über die Reise des Erzählers nach Istanbul zur Haartransplantation unnötig selbstverliebt in die Länge gezogen und detailliert. Ich wollte mich nur ungern derart intensiv mit dem kahlen Kopf des Erzählers und seiner dadurch entstandenen Männlichkeitskrise beschäftigen. Dieses "weltumspannende Gegenwartsepos" öffnet die Augen für die prekäre Situation von eingewanderten und armen Menschen in einer globalisierten Wirtschaft, die davon profitiert, Produktionen in andere Länder zu verlagern und prekäre SItuationen auszunutzen um prekäre Anstellungsverhältnisse zu schaffen. Wir sehen, wie sich Menschen für ihre Träume in Abhängigkeiten begeben, aus denen sie nur schwer wieder herauskommen können. Das ist einfühlsam und öffnet die Augen für die Menschen, die uns - zumindest in Großstädten - täglich begegnen und die täglich um ihre Existenz kämpfen. Ein wenig hat mir aber auch die Reflexion in diese Gruppe hinein gefehlt. Zum Beispiel könnte man beleuchten, was es auch mit den Kundinnen macht, wenn die Liefer-App einen weiblichen Namen anzeigt, dann aber unerwarteterweise ein männlicher Lieferant vor der Tür steht (weil er den Account von einer Mittelsperson kaufen musste). So ist es nicht verwunderlich, dass Kundinnen den direkten Kontakt zum Lieferanten vermeiden. Oder auch das rücksichtslose Fahren auf Gehwegen und quer über Kreuzungen wird im Zuge von häufigen Unfällen nicht thematisiert. Ja, es ist ein Roman vor allem über das Lieferdienstgeschäft, aber an einigen Stellen war er mir ein wenig zu einseitig. Auch hätte ich gern erfahren, wie die einzelnen Figuren dort angekommen sind, wo sie am Ende waren. Das wurde leider ausgespart und so hatte ich das Gefühl, dass das Buch ruhig ein paar Seiten mehr vertragen hätte.
Insgesamt fand ich den Roman aber gelungen und anregend, da er ein zeitgemäßes Thema aufgreift und die Geschichten von Menschen beleuchtet, über die man sich im Alltag möglicherweise manchmal ärgert, aber ansonsten wenig nachdenkt. Hier gelingt es dem Autor, einen Perspektivenwechsel anzuregen. Zudem ist das Buch weitgehend kurzweilig, interessant und schafft es, auch fremde Orte lebensnah erscheinen zu lassen.
All diese Handlungsstränge und Schicksale verbindet der Autor geschickt miteinander, sodass sie sich teilweise nur an den Rändern berühren und dennoch mitunter großen Einfluss aufeinander haben. Erzählt wird dadurch in Episoden und mit dem Fokus auf verschiedene Einzelschicksale, die wenig miteinander zu tun haben und dadurch wenig zusammenhängend wirken. Über einzelne Figuren würde man teilweise gern mehr wissen, andere bekommen dagegen zu viel Raum. So wirkt der Abschnitt über die Reise des Erzählers nach Istanbul zur Haartransplantation unnötig selbstverliebt in die Länge gezogen und detailliert. Ich wollte mich nur ungern derart intensiv mit dem kahlen Kopf des Erzählers und seiner dadurch entstandenen Männlichkeitskrise beschäftigen. Dieses "weltumspannende Gegenwartsepos" öffnet die Augen für die prekäre Situation von eingewanderten und armen Menschen in einer globalisierten Wirtschaft, die davon profitiert, Produktionen in andere Länder zu verlagern und prekäre SItuationen auszunutzen um prekäre Anstellungsverhältnisse zu schaffen. Wir sehen, wie sich Menschen für ihre Träume in Abhängigkeiten begeben, aus denen sie nur schwer wieder herauskommen können. Das ist einfühlsam und öffnet die Augen für die Menschen, die uns - zumindest in Großstädten - täglich begegnen und die täglich um ihre Existenz kämpfen. Ein wenig hat mir aber auch die Reflexion in diese Gruppe hinein gefehlt. Zum Beispiel könnte man beleuchten, was es auch mit den Kundinnen macht, wenn die Liefer-App einen weiblichen Namen anzeigt, dann aber unerwarteterweise ein männlicher Lieferant vor der Tür steht (weil er den Account von einer Mittelsperson kaufen musste). So ist es nicht verwunderlich, dass Kundinnen den direkten Kontakt zum Lieferanten vermeiden. Oder auch das rücksichtslose Fahren auf Gehwegen und quer über Kreuzungen wird im Zuge von häufigen Unfällen nicht thematisiert. Ja, es ist ein Roman vor allem über das Lieferdienstgeschäft, aber an einigen Stellen war er mir ein wenig zu einseitig. Auch hätte ich gern erfahren, wie die einzelnen Figuren dort angekommen sind, wo sie am Ende waren. Das wurde leider ausgespart und so hatte ich das Gefühl, dass das Buch ruhig ein paar Seiten mehr vertragen hätte.
Insgesamt fand ich den Roman aber gelungen und anregend, da er ein zeitgemäßes Thema aufgreift und die Geschichten von Menschen beleuchtet, über die man sich im Alltag möglicherweise manchmal ärgert, aber ansonsten wenig nachdenkt. Hier gelingt es dem Autor, einen Perspektivenwechsel anzuregen. Zudem ist das Buch weitgehend kurzweilig, interessant und schafft es, auch fremde Orte lebensnah erscheinen zu lassen.