Tomer Gardi und sein neues Werk

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löwenmäulchen25 Avatar

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Das Buch tut weh! Es fängt an mit Fil, der in Israel lebt, in Tel Aviv und fürchterlich ausgenutzt wird. Aus seiner Heimat Eritrea ist er geflohen. Seine schwangere Frau musste er zurücklassen. Und weil ihr geliebter Mann nun in Israel lebt, in Sicherheit, nennt sie ihr neugeborenes Mädchen 'Israel'. (Das wird später im Buch wieder aufgegriffen, denn die Familie ist christlich und das Mädchen wird gehänselt, in Berlin, und nennt sich lieber Izzi).
Fil braucht Arbeit, er will, er muss seine Familie, Frau und die kleine Tochter, unterstützen, die nach Berlin geflohen sind. Also lässt er sich von den örtlichen Mafia Strukturen anheuern für die Lieferantendienste. Sein rauher Alltag wird geschildert, aber auch die Solidarität unter den gleich Leidenden.

Ich habe noch nie in meinem Leben Essen bestellt (und werde es nach diesem Buch sowieso auch nie tun, um nicht dieses ausbeuterische System zu unterstützen). Für mich ist 'Essen' eine fast schon heilige Angelegenheit: Entweder bereite ich das Essen selbst zu oder ich gehe in ein Restaurant, wo ich bedient werde und für diese Dienstleistung anständiges Geld bezahle. Natürlich kenne ich die Einrichtung des dabbawalla in Indien, doch in diesem riesigen Land mit der größten Menschenmenge der Welt ist es Tradition, dass die Ehefrauen ihren Männern in den großen Städten Essen zur Arbeit schicken lassen. Der dabbawalla kommt täglich, holt das extra gekennzeichnete Geschirr (die dabbas), bringt seinem Kunden das Essen und trägt das leere Geschirr wieder zurück. Eine auf Respekt basierende Dienstleistung, gut angesehen und gut bezahlt.
Diese, im Buch beschriebene, Essen auf Räder' Dienstleistung ist jedoch eine große Umweltverschmutzung mit viel Abfall. Riders werden sie genannt. In China soll das ganz schlimm sein, darüber habe ich schon Dokus gesehen. Und diese Riders werden überall ausgenutzt.

Wir werden im Buch mit 'Riders' in Tel Aviv, in Berlin, in New Delhi, in Buenos Aires, in Istanbul konfrontiert. Doch gut ist, diese Riders werden eben als Menschen dargestellt, mit ihren Problemen, mit ihren Ängsten, mit ihrem Leiden. Und das ist nicht ohne!

Interessant ist auch die Geschichte von Nina (auch Nunu genannt), die nach Indien für ein Projekt fährt. Ebenfalls sehr berührend. Und trotz dass sich die junge Frau weltoffen gibt, wird ihr vom Autor unterstellt, dass sie nicht weiß, dass die Swastika und indisches Symbol für Glück von den Nazi gestohlen wurde, verdreht um Grade und als Hakenkreuz weltweit bekannt ist. (Es gibt andere Symbole, die ebenfalls von Gruppierungen gestohlen wurden und als die ihre ausgegeben werden, nehmen wir z.B. die 'dreadlocks'. Nein, die Rastas haben das nicht erfunden, die Filzhaare gibt es seit Jahrtausenden, bei den Sadhus, bei den Wikingern...).

Dann die Geschichte des Ich – Erzählers und Ronen: „Später zu Hause, trank ich ein Glas Wasser und noch eins, und dann füllte ich das Glas nochmal und stellte die Rose hinein. Soll sie auch was trinken, die Kenianerin“.
Aus dem Kontext gerissen, lässt sich das Zitat nicht verstehen, doch durch die Erzählung auf jeden Fall. Bemerkenswert die gelungene Verbindung der Worte.

Mich hat in erster Linie der Autor Tomer Gardi, ein Israeli, interessiert: Israelische Autor:innen nehmen sich gerne brisanter Themen an. Ich bin nicht enttäuscht worden.

Die Aufmachung, Cover, ist schon auffallend, aber nicht unbedingt schön. Das Buch selbst ist gut lesbar, doch erscheint eher wie eine Essay - Zusammenstellung. Doch manche Geschichten bringen lose Enden zusammen und werden fortgeführt. Andere lassen einem in der Luft hängen. Und da wäre schon schön den handelnden Personen wieder zu begegnen. Die Neugierde verlangt einfach Befriedigung, wie ergeht es ihnen weiterhin und was machen sie aus ihrem Leben? Wie geht die Geschichte weiter... (soll ich mir da als Lesende selber Gedanken dazu machen?)

Lesenswert, jedoch mit viel Nachdenklichkeit.