Tragisches Schicksal unzähliger Menschen

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kleine hexe Avatar

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Das Buch hat mich zutiefst berührt. Leider wüsste ich keinen Ausweg aus dieser Misere. Lieferkuriere auf Fahrräder, ob E-Bike oder klassisch oder auf Motorräder gibt es mittlerweile auf allen Kontinenten. Tomer Gardi lässt sie zu Wort kommen, lässt uns ihr hartes Leben durch ihre Augen sehen. Für mich hat der Perspektivwechsel von Seite Eins nun definitiv stattgefunden. “Mitbewohner des globalen Dorfes [that’s me], Perspektivwechsel! Hilft auch gegen Selbstmitleid! Auch gegen Aussichtslosigkeit! Erlöst von chronischem Purismus! Lindert Erbnabelschau! Lockert identitäre Fixationen! Hilft zudem gegen Opferglorie! Perspektivwechsel!” (S. 7) Egal, wie schlecht es uns geht, als Mitteleuropäer mit der richtigen Hautfarbe, als deutsche Staatsbürger, sind wir immer noch besser dran. Essenskuriere werden auf allen Kontinenten, in allen Städten aller Länder gnadenlos ausgebeutet. Um einen Job überhaupt zu ergattern, müssen sie hohe Kautionen zahlen, müssen substantielle Abgaben an windige Geschäftsleuten zahlen, fahren immer gegen die Zeit, sind auf die Likes der belieferten Kunden angewiesen, auf die Betreiber diverser Imbissbuden und Restaurants, wo sie das Essen herholen. Das ist moderne Sklaverei. Ein Unfall, rachsüchtige Polizisten, und die Arbeit ist verloren oder auch das Leben.
Ich habe diese Kuriere mit verschieden farbigen eckigen Rucksäcken schon oft auf den Straßen gesehen, aber bisher nie über die Menschen nachgedacht, die dahinterstecken. Sie sind immer in Eile, kaum sieht man sie, sind sie schon vorbei. Oder ich sehe sie bei meinem Lieblingsitaliener, Inder, Chinesen, Dönerbetreiber, holen ihre Bestellungen ab und schon sind sie weiter. Sie strampeln buchstäblich gegen die Zeit und für positive Likes. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, was sie mit dem kargen Lohn alles bewerkstelligen müssen: Erpresserische Abgaben an Betreiber, Miete, Essen, Zahlungen an die Familie im Herkunftsland oder in die neue Wahlheimat. Richtig Geld für Rücklagen bleibt nicht.
Das Buch beginnt mit Filmon, aus Eritrea, er jobbt in Tel Aviv, wird auch Kurierfahrer. Seine Frau und Tochter sind in Berlin. Er versucht alles, um nach Berlin einreisen zu dürfen. Wenn er in Deutschland ankommt, wird er auch kein besseres Schicksal haben. Als Essenskurier wird er im selben Hamsterrad sein wie in Tel Aviv. Jederzeit kann ihm und seiner kleinen Familie die Abschiebung drohen. Und dann?
Das Buch besteht aus Episoden, die lose miteinander verbunden sind. Gemeinsam ist ihnen allen, es sind Kurierfahrer, in Berlin, Delhi, Tel Aviv, Istanbul, Buenos Aires. Kurierfahrer die am Existenzminimum darben. Nur das letzte Kapitel spielt in Kenia, aber nicht im Kurierfahrer Milieu, sondern Blumen Pflückerinnen in den Glashäusern. Die Frauen da haben es genauso schwer: sie müssen im Akkord Blumen pflücken, mindestens 2.000 Rosen täglich für den Valentinstag in Europa. Hinzu kommt noch Beete bearbeiten, so dass die Rosensträuche weiter blühen und treiben.
Das Titelbild mit dem Fahrer im Hamsterrad zeigt die Ausweglosigkeit dieser Menschen. Sie schuften und mühen sich, aber andere profitieren von ihrer Arbeit. Sie selber kommen nicht vom Fleck.
DAs Buch hat mcih jein wenig an Hans Falladas Romane erinnert. Dieselbe Ausweglosigkeit, derselbe Kampf ums Überleben.