Willkommen im globalen Dorf!

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Im Roman “Liefern” liefert Tomer Gardi einen interkontinentalen Einblick in die Welt der Lieferdienste. Überall etwas anders und doch ist das Prinzip und System auf der ganzen Welt das gleiche. Die Massen verlangen nach Essen - bequem, schnell, an die Tür. Der Markt mit einer Monsterindustrie geantwortet, in der jene, die keine Alternative haben, einmal mehr unter prekären Arbeitsbedingungen das globale Bedürfnis nach Bequemlichkeit befriedigen. Fast Food next Level.
Und hier punktet Gardi mit seinem Buch - er gibt der gesichtslosen Massenware Arbeitskraft, die vor unserer Tür auftaucht und wieder in der Anonymität verschwindet, eine Geschichte, Motive, Identität und ein Gesicht. Er benennt das System der Ausbeutung dahinter, zeigt, wie Menschen zu einer Nummer von vielen werden und weshalb. Vielleicht denken wir das nächste Mal darüber nach, bevor wir für den gerade erhaltenen Service eine Bewertung abgeben. Darüber, was ein einfacher Klick für einen anderen Menschen bedeuten kann. Darüber, dass dieser Lieferant auch ein Mensch ist - keine Maschine! -, der in und mit seinen Umständen lebt. Und vielleicht überkommt uns auch etwas Nachsicht mit den verrückten Kamikazefahrern, die von Nachfrage und Industrielogik getrieben, auf den Strassen buchstäblich unseren Weg kreuzen. Message delivered!
Gelungen ist Gardi auch der Textfluss - leicht getrieben, eine Kaskade an Schwadronieren und Fokus in einem, eine faszinierende Mischung aus Alltag und Aussergewöhnlichkeiten. Es war schwer, das Buch zur Seite zu legen, wenn ich mal drin war. Es hat mich allerdings nicht gerufen, wenn ich es nicht in der Hand hatte. Dafür gab es zu viele Teile, die für mich zu wenig in die Hauptthematik reingepasst haben. Glatzköpfige Männer auf ihrer Suche nach Erlösung, eine verliebte Studentin in Indien, eine Mutter, die ihren verlorenen Sohn nicht loslassen kann - sie waren für mich eher Ablenkung, haben mit ihrer Ausführlichkeit zu weit vom Fokus und dem Grund abgelenkt, weshalb ich dieses Buch eigentlich interessant fand.

“Liefern” war für mich im Kernthema interessant und fesselnd, hat mich aber an Nebenschauplätzen verloren, die zu breit ausgetreten wurden. Obwohl ich dieses fragmentierte Erzählen grundsätzlich gerne lese, war die Sache hier für mich nicht ganz rund.

Ich bedanke mich bei Vorablesen und dem Tropen Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.