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luisan li Avatar

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Tomer Gardis Roman „Liefern“ ist ein vielstimmiges, hochaktuelles und zugleich überraschend leichtfüßiges Werk, das die unscheinbaren Figuren unseres Alltags ins Zentrum rückt: Essenslieferanten, Migrant:innen, Reisende zwischen den Welten. Ausgehend von Filmon, einem aus Eritrea geflüchteten Lieferanten in Tel Aviv, entfaltet sich ein literarisches Netzwerk, das Delhi, Buenos Aires, Istanbul und Berlin miteinander verbindet. Dem Autor gelingt es auf eine elegante Art und Weise globale Ungleichheiten, prekäre Arbeitsverhältnisse und institutionellen Rassismus sichtbar zu machen, ohne je in platte Anklage oder moralische Vereinfachung zu verfallen.
Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie persönliche Sehnsüchte – nach Familie, Liebe, Sicherheit und Zugehörigkeit – mit politischen Realitäten verwoben werden. Die Figuren sind keine bloßen Träger von Botschaften, sondern lebendige, widersprüchliche Menschen. Die verwendete Sprache ist verspielt, ironisch und zugleich von großer emotionaler Tiefe. Humor und Ernst, Reflexion und Erzählfreude stehen in einem produktiven Spannungsverhältnis. „Liefern“ ist weniger ein klassischer Roman als ein literarisches Epos der Gegenwart: fragmentarisch, polyphon und bewusst grenzüberschreitend. Gerade darin liegt seine Stärke. Das Buch fordert Aufmerksamkeit, belohnt diese aber mit einer eindringlichen, klugen und berührenden Lektüre.