Zwischen Lieferando-App & Weltpolitik
„Liefern“ von Liefern von Tomer Gardi ist am 14.02.2026 bei Tropen Verlag erschienen, in Zusammenarbeit mit der Übersetzerin Anne Birkenhauer. Der Roman führt uns nach Tel Aviv, Berlin, Delhi, Istanbul und Buenos Aires – und mitten hinein in die Leben der Menschen, die Essen ausliefern, unsichtbare Arbeit leisten und trotzdem die Städte am Laufen halten.
Worum gehts?
Im Zentrum steht Filmon, der aus Eritrea nach Israel geflohen ist und als Lieferfahrer arbeitet, um irgendwann zu seiner Familie nach Berlin ziehen zu können. Doch „Liefern“ erzählt nie nur eine Geschichte. Die Figuren und Orte greifen ineinander wie Straßen eines riesigen Stadtplans. Genau das macht diesen Roman so besonders: Er zeigt, wie eng unsere Welt miteinander verbunden ist – wirtschaftlich, politisch und emotional.
Meine Meinung
Schon die ersten Seiten haben mich unglaublich abgeholt. Gardi schreibt mit einer filmischen Präzision, die Szenen wirken oft wie beobachtete Momentaufnahmen. Besonders Filmons Kapitel gingen mir nah. „Filmon was here.“ (S. 9) – dieser kleine Satz trägt so viel Sehnsucht nach Sichtbarkeit in sich, dass ich lange daran denken musste.
Überhaupt gelingt dem Roman etwas, das ich selten so überzeugend gelesen habe: gesellschaftliche Analyse und echte Menschlichkeit zusammenzubringen. Themen wie Ausbeutung, Rassismus, Migration und prekäre Arbeit wirken nie abstrakt, sondern immer unmittelbar. Gerade die Riders werden hier nicht zu Symbolfiguren reduziert, sondern als Menschen mit Würde, Humor und Angst gezeigt. Ein Satz, der mich besonders getroffen hat: „Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind.“ (S. 143)
Auch sprachlich ist das Buch wahnsinnig spannend. Unterschiedliche Stimmen, Sprachen und Perspektiven treffen aufeinander, manchmal chaotisch, manchmal poetisch, aber immer lebendig. Besonders mochte ich die Idee der „Einwanderersprache“: „Wir waren wie Botschafter, aber eben Botschafter von Sprachen, nicht von Regimen.“ (S. 94) Solche Stellen machen deutlich, wie viel Liebe zur Sprache und zum Erzählen in diesem Roman steckt.
Was man allerdings wissen sollte: „Liefern“ verlangt Aufmerksamkeit. Durch die vielen Figuren, Perspektiven und Ortswechsel musste ich mich zwischendurch immer wieder neu orientieren. Für mich hat sich das absolut gelohnt, aber es ist definitiv kein „Nebenbei“-Roman.
Fazit
„Liefern“ ist ein politischer, wohl überlegter und gleichzeitig sehr warmer Roman über globale Zusammenhänge und die Menschen, die darin oft übersehen werden. Tomer Gardi erzählt von Migration, Arbeit und Zugehörigkeit mit Humor, Wucht und literarischer Experimentierfreude. Empfehlung für alle, die gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur mögen, multiperspektivische Romane lieben und Bücher schätzen, die zum Nachdenken anregen. Nichts für Leser:innen, die eine stringente, einfache Handlung erwarten. Vielen Dank an den Tropen Verlag & netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar!
Worum gehts?
Im Zentrum steht Filmon, der aus Eritrea nach Israel geflohen ist und als Lieferfahrer arbeitet, um irgendwann zu seiner Familie nach Berlin ziehen zu können. Doch „Liefern“ erzählt nie nur eine Geschichte. Die Figuren und Orte greifen ineinander wie Straßen eines riesigen Stadtplans. Genau das macht diesen Roman so besonders: Er zeigt, wie eng unsere Welt miteinander verbunden ist – wirtschaftlich, politisch und emotional.
Meine Meinung
Schon die ersten Seiten haben mich unglaublich abgeholt. Gardi schreibt mit einer filmischen Präzision, die Szenen wirken oft wie beobachtete Momentaufnahmen. Besonders Filmons Kapitel gingen mir nah. „Filmon was here.“ (S. 9) – dieser kleine Satz trägt so viel Sehnsucht nach Sichtbarkeit in sich, dass ich lange daran denken musste.
Überhaupt gelingt dem Roman etwas, das ich selten so überzeugend gelesen habe: gesellschaftliche Analyse und echte Menschlichkeit zusammenzubringen. Themen wie Ausbeutung, Rassismus, Migration und prekäre Arbeit wirken nie abstrakt, sondern immer unmittelbar. Gerade die Riders werden hier nicht zu Symbolfiguren reduziert, sondern als Menschen mit Würde, Humor und Angst gezeigt. Ein Satz, der mich besonders getroffen hat: „Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind.“ (S. 143)
Auch sprachlich ist das Buch wahnsinnig spannend. Unterschiedliche Stimmen, Sprachen und Perspektiven treffen aufeinander, manchmal chaotisch, manchmal poetisch, aber immer lebendig. Besonders mochte ich die Idee der „Einwanderersprache“: „Wir waren wie Botschafter, aber eben Botschafter von Sprachen, nicht von Regimen.“ (S. 94) Solche Stellen machen deutlich, wie viel Liebe zur Sprache und zum Erzählen in diesem Roman steckt.
Was man allerdings wissen sollte: „Liefern“ verlangt Aufmerksamkeit. Durch die vielen Figuren, Perspektiven und Ortswechsel musste ich mich zwischendurch immer wieder neu orientieren. Für mich hat sich das absolut gelohnt, aber es ist definitiv kein „Nebenbei“-Roman.
Fazit
„Liefern“ ist ein politischer, wohl überlegter und gleichzeitig sehr warmer Roman über globale Zusammenhänge und die Menschen, die darin oft übersehen werden. Tomer Gardi erzählt von Migration, Arbeit und Zugehörigkeit mit Humor, Wucht und literarischer Experimentierfreude. Empfehlung für alle, die gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur mögen, multiperspektivische Romane lieben und Bücher schätzen, die zum Nachdenken anregen. Nichts für Leser:innen, die eine stringente, einfache Handlung erwarten. Vielen Dank an den Tropen Verlag & netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar!