Sommer voller Nostalgie und leiser Tiefe

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"Little Hollywood" von Inga Hanka hat mich trotz anfänglicher Zweifel am Coming-of-Age-Genre überraschend schnell überzeugt und emotional mitgenommen.

Im Mittelpunkt steht Leo, frisch aus der Schulzeit entlassen und irgendwo zwischen Aufbruch und Orientierungslosigkeit. Der Sommer vor ihrem geplanten Studium wird zu einer intensiven Übergangsphase: erste (und nicht immer glückliche) Liebeserfahrungen, neue Begegnungen wie mit dem eigenwilligen Jo, familiäre Spannungen – insbesondere mit ihrer Mutter und ihrem Vater und gleichzeitig der Halt, den ihr Bruder Ben bietet.

Was den Roman besonders macht, ist seine Atmosphäre. Die 90er-Jahre werden mit viel Gespür eingefangen: Videotheken wie „Little Hollywood“, Telefonkarten und lange, offene Sommernächte erzeugen eine warme Nostalgie, die vor allem bei Leser:innen Erinnerungen weckt. Gleichzeitig bleibt es nicht nur bei dieser Leichtigkeit. Zwischen den Zeilen verhandelt der Roman auch ernstere Themen wie psychische Belastungen, toxische Beziehungen oder häusliche Gewalt – leise, aber wirkungsvoll.

Leo selbst ist eine sehr authentische Figur, deren Gedanken und Gefühle sich unmittelbar erschließen. Auch die Nebenfiguren wirken stimmig, selbst wenn sie nicht alle gleich viel Raum bekommen – was hier gut funktioniert, da der Fokus klar auf Leo liegt.

Besonders gelungen ist der Schreibstil: klar, präzise und zugleich einfühlsam, oft mit genau den richtigen Bildern im richtigen Moment. Der Roman findet eine schöne Balance zwischen ruhigen, unaufgeregten Passagen und emotionaler Intensität – ohne Längen, aber mit viel Gefühl.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt, dass einige Konflikte, etwa die komplexe Beziehung zu Leos Vater, nur angerissen werden und etwas mehr Tiefe vertragen hätten. Doch das schmälert den Gesamteindruck kaum.