Chronik einer Tochterliebe

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
alasca Avatar

Von

Mit „Löwe“ legt die Schauspielerin Sonya Walger ein Romandebüt vor, das sich den Kategorien von Memoir, Familiengeschichte oder Autofiktion entzieht. Aus der Ich-Perspektive erkundet sie die komplizierte Beziehung zu ihrem charismatischen, aber zutiefst unzuverlässigen Vater. Gleich auf den ersten Seiten benennt sie das Paradoxon ihres Projekts: Nicht über die Mutter schreibt sie, die immer da gewesen ist. Sondern über den abwesenden Vater, den Verräter, Versager, Verweigerer.

Die Ehe der Eltern scheitert schon in den Flitterwochen, die er nicht bezahlen kann. Der ruhelose Vater verweigert sich jeder Routine, ein Alltagsleben kann nicht entstehen. „Sein ganzes Leben lang lehnt er jede Arbeit ab, die in regelmäßiges Gehalt einbrächte. […] Mit Inbrunst glaubt er an eine Welt, die nur er sieht. […] Er bringt sein Leben damit zu, sich ins Unbekannte zu stürzen, sich über alle Regeln hinwegzusetzen, die für andere gelten, und die Konsequenzen abzuwarten, die ihn erst viel später einholen.“ Sein Lebenshunger ist grenzenlos – und ansteckend; der „Löwe“ fasziniert durch seine ungeheure Lebendigkeit. Nach anfänglicher Faszination hinterlässt er eine Spur aus Enttäuschungen, zerbrochenen Familien und Kindern, die lernen müssen, mit seiner Abwesenheit zu leben. „Überall hinterließ er Töchter, wie ein zerstreuter Mann, der überall teure Regenmäntel hängen lässt.“

Gleichzeitig dürfen die negativen Gefühle, die er auslöst, in Sonyas Familie niemals thematisiert werden. „In meiner Familie ist die Wahrheit die hemmungslose Trinkerin, die Verwandte, die wir eigentlich lieb haben müssten, mit der aber trotzdem niemand reden will.“ Lange Zeit ist Sonya unfähig, überhaupt anders als affirmativ und höflich zu sein, auch, wenn es nötig wäre; eine Altlast, die schwierig zu überwinden ist.

Walger erzählt nicht chronologisch, sondern folgt der Logik der Erinnerung. Zeiten, Orte und Perspektiven fließen ineinander, wodurch sich Vergangenheit und Gegenwart ständig überlagern. Ihr Stil ist episodisch, erratisch, assoziativ. Sie erzählt skizzenhaft, in straffen Sätzen, harte Striche mit weichen Schattierungen. Besonders wirkungsvoll ist dabei der konsequente Einsatz des Präsens. Die Ereignisse wirken nicht wie abgeschlossene Erinnerungen, sondern wie Erfahrungen, die sich fortwährend neu ereignen – wie das eben ist mit Erlebnissen, mit denen man emotional nie abgeschlossen hat. Das verleiht dem Text Tempo und eine enorme Unmittelbarkeit.

Walger gelingt es, selbst komplexe familiäre Dynamiken mit erstaunlicher Klarheit darzustellen. Besonders stark sind jene Passagen, in denen die Erzählerin versucht, die Anziehungskraft dieses Mannes zu begreifen: Wie kann man eine Leerstelle lieben? Vielleicht gerade weil dieses schillernde Vakuum beliebig gefüllt werden kann? Dabei vermeidet Walger sowohl Anklage als auch Verklärung. Ihr Blick auf den Vater bleibt ambivalent: geprägt von Schmerz, Enttäuschung, Liebe und Bewunderung zugleich. Trotz der intensiven Beschäftigung mit der Figur des Vaters kommt beim Lesen kein Gefühl der Nähe auf – das Studienobjekt bleibt auf Distanz und macht die lebenslang unerfüllte Sehnsucht Sonyas nachfühlbar.

Das ganze Buch hindurch hat mich die Liebesfähigkeit dieser Tochter in Erstaunen versetzt. Vielleicht ist das die Erkenntnis des Romans: Dass Liebe manchmal gerade dort fortbesteht, wo Gewissheit unmöglich bleibt. Sonya Walgers Debüt irritiert und berührt.