Der Löwe, der fiel – und der Schatten, in dem eine Tochter erwachsen wird
Es gibt Väter, die einen Raum betreten. Und es gibt Väter, die ein ganzes Universum mitbringen. Der Vater in Löwe gehört zur zweiten Sorte. Er ist Polospieler und Rennfahrer, Gefängnisinsasse und Fallschirmspringer, Verführer und Träumer – ein Mann, der lebt, als seien Regeln lediglich Vorschläge. Für seine Tochter ist er lange Zeit kein Mensch, sondern ein Mythos. Einer, der immer wieder auftaucht, strahlt und verschwindet. Einer, der die Schwerkraft außer Kraft zu setzen scheint – bis auch er fällt.
Sonya Walger erzählt von einer Kindheit im Dazwischen: zwischen England und Südamerika, zwischen Sehnsucht und Enttäuschung, zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und einem Vater, der nie lange an einem Ort oder bei einer Familie bleibt. Die Erzählerin besucht ihn in seinen immer neuen Leben, in seinen neuen Beziehungen und Familienkonstellationen – und sucht dabei eigentlich nur eines: ein Zuhause, das nicht sofort wieder zerfällt.
Was dieses Buch so besonders macht, ist seine Perspektive. Walger blickt erst dann wirklich auf ihren Vater, als sie selbst Mutter wird. Plötzlich wird der schillernde Löwe nicht mehr nur als Vaterfigur betrachtet, sondern als Mensch mit eigener Geschichte, eigenen Brüchen und einer beinahe manischen Sehnsucht nach Freiheit. Die Liebe zu ihm bleibt dabei ein Paradox: tief und unerschütterlich, obwohl sie immer wieder verletzt wird.
Und genauso paradox ist auch der Ton des Romans. Die Sprache besitzt etwas Schwebendes, Tastendes, das sich kaum greifen lässt und gerade deshalb so eindringlich wirkt. Walger schreibt nicht chronologisch, sondern in Erinnerungsbewegungen. Gegenwart und Vergangenheit greifen ineinander wie Wellen, die sich überlagern. Kindheitsszenen wechseln mit Episoden aus der Jugend der Eltern, Orte und Zeiten verschieben sich. Dieses Erzählen verlangt Aufmerksamkeit – aber es belohnt sie mit einer außergewöhnlichen Intensität. Man liest nicht einfach eine Familiengeschichte; man setzt Stück für Stück ein Mosaik zusammen, dessen Bild sich erst allmählich offenbart.
Auch atmosphärisch ist Löwe bemerkenswert. Das Buch trägt die Farben seiner Schauplätze in sich: das graue England, das Weite und die Wärme Südamerikas, das Gefühl von Bewegung und Rastlosigkeit. Über allem liegt eine fiebrige Energie, als könnte jederzeit ein weiterer Aufbruch bevorstehen. Gleichzeitig zieht sich eine tiefe Melancholie durch die Seiten. Denn jeder Neuanfang des Vaters bedeutet für die Tochter auch einen weiteren Verlust.
Löwe ist letztlich kein Denkmal für einen außergewöhnlichen Mann. Es ist das Porträt einer Bindung, die sich jeder Vernunft widersetzt. Ein Roman darüber, wie Kinder ihre Eltern zugleich bewundern und betrauern, wie Liebe und Verletzung oft denselben Ursprung haben und wie man ein Leben lang versucht, sich von einem Menschen zu lösen, der längst Teil des eigenen Innersten geworden ist.
Sonya Walger erzählt von einer Kindheit im Dazwischen: zwischen England und Südamerika, zwischen Sehnsucht und Enttäuschung, zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und einem Vater, der nie lange an einem Ort oder bei einer Familie bleibt. Die Erzählerin besucht ihn in seinen immer neuen Leben, in seinen neuen Beziehungen und Familienkonstellationen – und sucht dabei eigentlich nur eines: ein Zuhause, das nicht sofort wieder zerfällt.
Was dieses Buch so besonders macht, ist seine Perspektive. Walger blickt erst dann wirklich auf ihren Vater, als sie selbst Mutter wird. Plötzlich wird der schillernde Löwe nicht mehr nur als Vaterfigur betrachtet, sondern als Mensch mit eigener Geschichte, eigenen Brüchen und einer beinahe manischen Sehnsucht nach Freiheit. Die Liebe zu ihm bleibt dabei ein Paradox: tief und unerschütterlich, obwohl sie immer wieder verletzt wird.
Und genauso paradox ist auch der Ton des Romans. Die Sprache besitzt etwas Schwebendes, Tastendes, das sich kaum greifen lässt und gerade deshalb so eindringlich wirkt. Walger schreibt nicht chronologisch, sondern in Erinnerungsbewegungen. Gegenwart und Vergangenheit greifen ineinander wie Wellen, die sich überlagern. Kindheitsszenen wechseln mit Episoden aus der Jugend der Eltern, Orte und Zeiten verschieben sich. Dieses Erzählen verlangt Aufmerksamkeit – aber es belohnt sie mit einer außergewöhnlichen Intensität. Man liest nicht einfach eine Familiengeschichte; man setzt Stück für Stück ein Mosaik zusammen, dessen Bild sich erst allmählich offenbart.
Auch atmosphärisch ist Löwe bemerkenswert. Das Buch trägt die Farben seiner Schauplätze in sich: das graue England, das Weite und die Wärme Südamerikas, das Gefühl von Bewegung und Rastlosigkeit. Über allem liegt eine fiebrige Energie, als könnte jederzeit ein weiterer Aufbruch bevorstehen. Gleichzeitig zieht sich eine tiefe Melancholie durch die Seiten. Denn jeder Neuanfang des Vaters bedeutet für die Tochter auch einen weiteren Verlust.
Löwe ist letztlich kein Denkmal für einen außergewöhnlichen Mann. Es ist das Porträt einer Bindung, die sich jeder Vernunft widersetzt. Ein Roman darüber, wie Kinder ihre Eltern zugleich bewundern und betrauern, wie Liebe und Verletzung oft denselben Ursprung haben und wie man ein Leben lang versucht, sich von einem Menschen zu lösen, der längst Teil des eigenen Innersten geworden ist.