Der Löwe sitzt im Käfig

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elli-spirelli Avatar

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Der autobiografische Roman „Löwe“ ist ein Debüt der britisch-amerikanischen Schauspielerin, Autorin und Podcasterin Sonya Walger und thematisiert die ungesunde Vater-Tochter-Beziehung.
Darin behandelt sie die Beziehung zu ihrem Vater, einem charismatischen Lebemann, der verantwortungslos seine unterschiedlichen Familien und Kinder zeitlich begrenzt begleitet, der immer wieder enttäuscht, sich entzieht und durch Abwesenheit glänzt. Andererseits sind ihm seine Kinder und Frauen verfallen, er wechselt seine Familien mehrfach, hat Geliebte, ist für keinen greifbar, braucht immer wieder Geld, lebt abwechselnd im Luxus und in Armut, konsumiert Drogen und findet immer wieder jemanden, der ihn protegiert und finanziell unterstützt. Ein Auf und Ab, eine schillernde Reise, ein ungewöhnliches Portrait. „Er ist gefallen. Gefallen ist er in jeder Hinsicht, in der man nur fallen kann. Aus, auf, herein und auseinander, zu Füßen und hintenüber, in Ungnade, unter Feinde und vom Rand. Eine brauchbare Definition für das Leben meines Vaters.“
Walger schildert diesen Halbgott durch die Perspektive eines Kindes, das sich immer wieder auf ihn freut, ihn bedingungslos liebt, um dann aber auch wieder Zurückweisung und Gleichgültigkeit zu erfahren. Kaleidoskopartig setzt sich das Bild dieses Mannes zusammen, teilweise auch aus der Perspektive der Erwachsenen, der Frau und Mutter, dann ist er nicht mehr das angehimmelte Idol, sondern die großen Defizite werden jetzt offensichtlich und schonungslos dargestellt.
In seinem ganzen Gebaren erinnert er mich an Ernest Hemingway, schönen Frauen, dem Alkohol und jeglicher Herausforderung zugeneigt, er tanzt auf dem Vulkan und bringt sich selbst die Zerstörung. „Der Löwe sitzt im Käfig. Als Ersatz für sein verlorenes Leben greift er zu den Büchern. Ich schicke ihm Hemingway, knapp und karg. Zu machohaft, befindet er.“

Auch die Beziehung zu Sonya ist durch Liebe und Hass geprägt. Immer wieder werden ihre Hoffnungen enttäuscht, trotzdem ist er ein Held in den Augen des Kindes. Sie versucht nach seinem Tod das Verhältnis zu ihm zu beschreiben, dieses Werk dient möglicherweise der Befreiung und der Lösung von dem prägenden und übermächtigen Vater.
Sprachlich ist der Roman interessant gestaltet, häufig sehr poetisch, mit wunderbaren Bildern und Metaphern. „Ich bin ein eingestürzte Bergwerkschacht. Mein ganzer Mund ist voller Geröll. Ich weiß nicht, wie ich auf dieses widerliche Ansinnen reagieren soll.“ Allerdings wird diese Darstellung auch immer wieder durch extrem kurze Hauptsätze unterbrochen, die fast staccatoartig auf den Leser einbrechen und Distanz aufbauen, die herausfordern und nervtötend sein können. Der Leser spürt die Vernachlässigung und die Schmerzen der Betroffenen, die sich von diesem Egomanen blenden lassen. Eine ungesunde Beziehung für jede der drei Frauen und auch für die vielen Kinder, die aus den unterschiedlichen Beziehungen hervorgehen.
„Früh morgens. Weißes Licht. Weißes Nachthemd in kalter Küche. Nackte Füße auf Holzboden. Baby lümmelt im Hochstuhl. Tochter jammert nach Joghurt. Ehemann schläft noch. Schläft immer zu. Kaffee, Teelöffel, Groll, Joghurt. Telefon. Die Nummer von meinem Vater. Viel zu früh für ihn.“
Insgesamt eine emotionale und teilweise ergreifende Biografie, die die allmähliche Zerstörung und den Verfall des großen Löwen beschreibt.