Unbehaglich
Es gibt grob gesagt zwei Arten von Romanen: jene, die man zuklappt und vergisst und jene, die einen nicht mehr loslassen. Oder die ihren vollen Glanz erst entfalten, wenn man sich mit Nachhall des Gelesenen beschäftigt. Vielleicht mit dem Unbehaglichen. So ein Roman ist Löwe für mich.
Was das Unbehagen ausgelöst hat? Schon auf den ersten Seiten ihres autofiktionalen Romans erklärt Walger, dass sie den Roman über den schreibt, der gegangen ist und nicht über die, die geblieben ist. Nicht über die Mutter, die da war, die die Care-Arbeit geleistet hat. Nein, über den abwesenden, unzuverlässigen, unverantwortlichen Vater. Und nimmt damit in Kauf, ihre Mutter zu verletzen. Sie begründet es nicht. Sie schreibt nur, es sei ein Buch über Liebe.
Während der Lektüre hat mich genau diese Entscheidung zunehmend beschäftigt - und Unbehagen ausgelöst.
Ich konnte keine Mitgefühl oder Sympathie oder auch nur Faszination oder Interesse für den Vater entwickeln. Für mich blieb er der Mann, dessen Charisma seine Verantwortungslosigkeit keinesfalls aufwiegt. Umso mehr sticht die bedingungslose Liebe der Tochter heraus. Der Roman macht deutlich, dass Liebe nicht gerecht ist. Sie folgt keiner moralischen Logik. Sie lässt sich weder erklären noch begründen oder gar rechtfertigen. Wie ehrlich Walger die Liebe zu ihrem Vater ergründet und dabei nichts beschönigt oder verklärt macht das Besondere des Romans aus. Es offenbart Verletzlichkeit und macht angreifbar.
Man Unbehagen richtet sich nicht gegen die Erzählerin, gegen die ehrlich zur Schau gestellte Liebe einer Tochter zu ihrem Vater. Die Ambivalenz, die dahintersteckt. Die Frage, die der Roman bei mir ausgelöst hat, ist eine andere: Was bedeutet es, dass ausgerechnet der Vater zum Zentrum der Erzählung wird, obwohl die Mutter geblieben ist? Warum ist der abwesende Vater als Rätsel erzählenswerter als die Zuverlässigkeit und Greifbarkeit der Mutter?
Dies ist wahrscheinlich keine Frage, die der Roman beantworten will. Und doch hat mich genau diese Frage nicht mehr losgelassen. Ich habe Rezensionen gelesen, Gespräche gesucht und meine eigene Lektüre immer wieder hinterfragt. Dabei fiel mir auf, dass die immer wieder die Faszination dieser Vaterfigur hervorgehoben wird, die ich nicht teilen kann. Stattdessen fragte ich mich immer wieder, ob wir als Leser*innen männlicher Unzuverlässigkeit nicht oft großzügiger begegnen als weiblicher. Würden wir dieselbe Geduld, Faszination, Neugier und erzählerische Großzügigkeit einer Mutter entgegenbringen, die sich verhalten hätte wie der Vater in diesem Roman?
Diese Frage beantwortet der Roman nicht, aber er wirft sie auf - jedenfalls bei mir. Er liefert keine einfachen Antworten und verweigert sich eindeutigen Urteilen. Er ist weder Anklage noch Rechtfertigung. Er ist vielmehr der Versuch einer Tochter, ihre Liebe zu dem Mann zu verstehen, den sie nicht ganz begreifen kann und wird.
Selten hat mich ein Roman nach der letzten Seite so intensiv beschäftigt. Weil mich ein unbehagliches Gefühlt gezwungen hat, über Liebe, Ehrlichkeit und die Verteilung erzählerischer Aufmerksamkeit nachzudenken. Gerade dieses produktive Unbehagen macht Löwe für mich zu einem außergewöhnlichen Roman.
Denn vielleicht ist das letztlich die größte Qualität von Literatur: nicht alle Fragen zu beantworten, sondern die richtigen offen zu lassen.
Was das Unbehagen ausgelöst hat? Schon auf den ersten Seiten ihres autofiktionalen Romans erklärt Walger, dass sie den Roman über den schreibt, der gegangen ist und nicht über die, die geblieben ist. Nicht über die Mutter, die da war, die die Care-Arbeit geleistet hat. Nein, über den abwesenden, unzuverlässigen, unverantwortlichen Vater. Und nimmt damit in Kauf, ihre Mutter zu verletzen. Sie begründet es nicht. Sie schreibt nur, es sei ein Buch über Liebe.
Während der Lektüre hat mich genau diese Entscheidung zunehmend beschäftigt - und Unbehagen ausgelöst.
Ich konnte keine Mitgefühl oder Sympathie oder auch nur Faszination oder Interesse für den Vater entwickeln. Für mich blieb er der Mann, dessen Charisma seine Verantwortungslosigkeit keinesfalls aufwiegt. Umso mehr sticht die bedingungslose Liebe der Tochter heraus. Der Roman macht deutlich, dass Liebe nicht gerecht ist. Sie folgt keiner moralischen Logik. Sie lässt sich weder erklären noch begründen oder gar rechtfertigen. Wie ehrlich Walger die Liebe zu ihrem Vater ergründet und dabei nichts beschönigt oder verklärt macht das Besondere des Romans aus. Es offenbart Verletzlichkeit und macht angreifbar.
Man Unbehagen richtet sich nicht gegen die Erzählerin, gegen die ehrlich zur Schau gestellte Liebe einer Tochter zu ihrem Vater. Die Ambivalenz, die dahintersteckt. Die Frage, die der Roman bei mir ausgelöst hat, ist eine andere: Was bedeutet es, dass ausgerechnet der Vater zum Zentrum der Erzählung wird, obwohl die Mutter geblieben ist? Warum ist der abwesende Vater als Rätsel erzählenswerter als die Zuverlässigkeit und Greifbarkeit der Mutter?
Dies ist wahrscheinlich keine Frage, die der Roman beantworten will. Und doch hat mich genau diese Frage nicht mehr losgelassen. Ich habe Rezensionen gelesen, Gespräche gesucht und meine eigene Lektüre immer wieder hinterfragt. Dabei fiel mir auf, dass die immer wieder die Faszination dieser Vaterfigur hervorgehoben wird, die ich nicht teilen kann. Stattdessen fragte ich mich immer wieder, ob wir als Leser*innen männlicher Unzuverlässigkeit nicht oft großzügiger begegnen als weiblicher. Würden wir dieselbe Geduld, Faszination, Neugier und erzählerische Großzügigkeit einer Mutter entgegenbringen, die sich verhalten hätte wie der Vater in diesem Roman?
Diese Frage beantwortet der Roman nicht, aber er wirft sie auf - jedenfalls bei mir. Er liefert keine einfachen Antworten und verweigert sich eindeutigen Urteilen. Er ist weder Anklage noch Rechtfertigung. Er ist vielmehr der Versuch einer Tochter, ihre Liebe zu dem Mann zu verstehen, den sie nicht ganz begreifen kann und wird.
Selten hat mich ein Roman nach der letzten Seite so intensiv beschäftigt. Weil mich ein unbehagliches Gefühlt gezwungen hat, über Liebe, Ehrlichkeit und die Verteilung erzählerischer Aufmerksamkeit nachzudenken. Gerade dieses produktive Unbehagen macht Löwe für mich zu einem außergewöhnlichen Roman.
Denn vielleicht ist das letztlich die größte Qualität von Literatur: nicht alle Fragen zu beantworten, sondern die richtigen offen zu lassen.