Ein Mädchen, eine Mutter – und die Kraft der Kunst zu überleben

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
balileyolaf Avatar

Von

Schon die ersten Seiten von Lola im Spiegel von Trent Dalton entfalten eine Wucht, der man sich kaum entziehen kann. Die Stimme der Erzählerin ist unmittelbar, poetisch, roh und zugleich von einem feinen Humor durchzogen. Es ist eine Geschichte über Flucht, Gewalt, Armut und Angst – aber vor allem über Liebe, Zusammenhalt und die rettende Kraft der Fantasie.

Lola wächst mit ihrer Mutter in einem Van am Brisbane River auf, umgeben von Menschen am Rand der Gesellschaft. Was dabei besonders berührt, ist der liebevolle, warme Blick, mit dem diese Welt beschrieben wird. Trotz aller Härte fehlt dem Text jede Form von Mitleidsprosa. Stattdessen begegnet man Figuren voller Würde, Eigenheit und Menschlichkeit. Die Mutter ist stark, widersprüchlich, beschützend – eine Figur, die lange im Gedächtnis bleibt.

Formal außergewöhnlich ist die Verbindung von Erzähltext und Kunst: Zeichnungen, Spiegelbilder und imaginierte Ausstellungen im Metropolitan Museum of Art werden Teil der Erzählung. Lolas Blick auf sich selbst, ihre Suche nach Identität und einem Namen, ihre Kunst als Überlebensstrategie – all das ist intensiv, klug und berührend umgesetzt. Die Sprache ist bildreich, manchmal schonungslos, dann wieder zärtlich und von großer Schönheit.

Die Leseprobe hinterlässt das Gefühl, einem Roman zu begegnen, der Mut hat, der nicht gefällig sein will und gerade deshalb tief bewegt. Lola im Spiegel ist kein leises Buch, aber ein ehrliches. Eines, das zeigt, wie Kunst entstehen kann, wo alles andere fehlt.

Ich möchte unbedingt weiterlesen, weil dieser Text das Versprechen in sich trägt, weh zu tun, Hoffnung zu geben und lange nachzuwirken.