Die treibende Künstlerin

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fornika Avatar

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Liv Bytheriver ist bald 18 Jahre mit ihrer Mutter auf der Flucht, wohnungslos unterwegs in Australien. Liv heißt nicht wirklich Liv, ihren echten Namen hat ihr die Mutter nie verraten, aus Angst, dass man ihnen so auf die Spur kommen könnte. Und so wechselt Liv ihren Namen fast schon häufiger als sie zum Zeichenstift greift, denn diesen Traum verfolgt sie eisern: international beachtete Künstlerin zu werden. Doch wie schafft man es aus einem durchgerosteten Auto vom Brisbaneufer bis in die New Yorker MoMa?
Dalton nimmt den Leser mit in die Welt der Treibenden, der wohnungs- aber nie obdachlosen. Die Künstlerin und ihre Mom haben auf ihrem kleinen geschützten Schrottplatz eine eingeschworene Nachbarschaft gefunden; man hilft sich, man bildet fast schon eine kleine zusammengewürfelte Familie, auch wenn jeder mit den eigenen Dämonen kämpfen muss, und manchmal auch jemand einfach weitertreibt. Der Autor nähert sich dem Thema umsichtig, respektvoll, aber auch ungeschönt und realistisch. Seine Gesellschaftskritik wirkt nie belehrend, er räumt mit einigen Vorurteilen auf und wirft auch einen Blick ins Jahr 2032: Brisbane wird Austragungsort der Olympischen Spiele, was die Situation für viele Treibenden noch deutlich verschärfen wird.
Seine Protagonisten habe ich schnell ins Herz geschlossen. Facettenreich gezeichnet, lebendig und immer wieder überraschend, bin ich ihnen nur zu gerne durch den oft harten Alltag gefolgt. Die Künstlerin vereint jugendlichen Optimismus, manchmal kindliche Naivität mit einer Abgebrühtheit, die die Jahre auf der Straße hervorgebracht haben. Ihre Tuschezeichnungen schleichen sich immer wieder auf die Seiten, ordnungsgemäß versehen mit einer kuratierten Einordnung in ihre Schaffensphasen. Diesen Kniff fand ich einfach großartig, weckt er doch auch auf sehr subtile Art und Weise die leise Hoffnung, dass die Künstlerin es am Ende doch „schaffen“ wird. Überhaupt wirkt der Roman trotz allem Ärger, aller Trauer bejahend und vorsichtig optimistisch. Ich habe ihn mit großer Freude gelesen.