Mit vielen Emotionen und vielen ABERs

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angie99 Avatar

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„Ich bin unsichtbar“, sagt das Mädchen. Es steht mitten in der Menschmenge und irgendwann sagt es das nicht mehr, sondern schreit es heraus. Doch die vielen Menschen gehen weiterhin reaktionslos an ihm vorbei, als ob es nicht existieren würde.
Das ist wohl eine der berührendsten Stellen in diesem Buch, denn sie weist sehr plastisch auf eine simple Wahrheit hin: viele wohnungslose Menschen berichten, wie schlimm es für sie ist, nicht gesehen zu werden.

„Lola im Spiegel“ zeigt, was es bedeutet, zu den Treibenden, Wohnungslosen zu gehören. So wie das Mädchen. Es hat nicht einmal einen Namen. Seit es sich erinnern kann, zieht es mit seiner Mutter durch Australien, lebt aktuell in einem Van auf einem Schrottplatz am Brisbane River.
So beginnt dieses Buch als eine Art Sozialstudie, in dem es uns einen Alltag am Rande der Gesellschaft beschreibt und die, die diesen Rand bevölkern.

Doch nach rund 100 Seiten gibt es eine überraschende Wendung – welche, werde ich jetzt natürlich nicht spoilern – welche sich nicht nur auf dramatische Weise auf das Leben der Ich-Erzählerin, sondern auch die Tonalität des Buches auswirkt. Denn ab hier wird es zunehmend märchenhafter. Die auftretenden Figuren sind plötzlich klar in ein Gut und ein Böse aufgeteilt, wobei die Protagonistin selbsterklärend in einer epischen Schlacht gegen das Böse ankämpfen muss; wie das Ende ausfallen wird, ist von da an auch logisch. Nur einige Details, die vor allem die Vergangenheit des Mädchens betreffen, bewahren die Story davor, in absolutem Kitsch zu versumpfen.

Wie ich es auch drehe und wende: alles, was an diesem Buch toll ist, würde ich mit einem ABER versehen.
Die jedem Kapitel vorangestellten Bilder zum Beispiel, die die künstlerischen Ambitionen des Mädchens verdeutlichen: eine wirklich originelle Idee und sehr aussagekräftig. Aber sie tragen ganz klar eine männliche Handschrift und verlieren in meinen Augen dadurch an Authentizität.
Der Schreibstil des Autors, der mit Emotionalität fesselt und zugleich mit Detailverliebtheit nervt. Ja, jede Schreibschule legt Wert darauf, dass es einen Unterschied macht, ob ein alter VW, ein klotziger Pickup oder ein schnittiger Porsche vor dem Haus steht. Aber der Autor benutzt solche Konkretisierungen so häufig und bei jeglichen Nebensächlichkeiten, dass ich das Interesse daran verlor. Gleiches mit dem Setting: wer sich in Brisbane auskennt, wird seine Freude daran haben, genau zu wissen, an welcher Ecke sich das Mädchen gerade befindet. Aber ich empfand die vielen mir unbekannten Straßennamen irgendwann nur noch als ermüdend.
Dann die Lebensweisheiten, die der Geschichte zu Grunde liegen und die dem Roman trotz märchenhaftem Ausgang eine gewisse Tiefgründigkeit verleihen. Aber mit solcher Sprachmächtigkeit vorgetragen, dass sie nicht zum zarten Alter und der kruden Biographie des oft monologisierenden Mädchens passen, das einige Seiten zuvor noch komplett unsichtbar war.

Fazit: Eine ungewöhnliche, toughe und künstlerisch begabte Heldin trägt diese bewegende, mitreißende Story, welche das Schicksal von Treibenden sichtbar macht, sich allerdings von Sozialdrama zu einem Märchen mit Thrillerelementen wandelt. Außerdem wirkt so manches Detail wenig glaubwürdig oder komplett überflüssig.