Über eine ungewöhnliche Heldin, die ihren Namen nicht kennt

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meggie3 Avatar

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Trent Daltons „Lola im Spiegel“ beschäftigt sich mit einigen existenziellen Fragen. Was macht die eigene Identität aus? Wie wichtig ist das Wissen um die eigene Herkunft, um ausmachen zu können, wer man ist? Wie wichtig ist das Wissen, um den eigenen Namen? Oder kann man auch seine Identität formen, ohne den eigenen Namen und die eigene Herkunft zu kennen?

In dem Roman „Lola im Spiegel“ begleitet man als Leser:in eine junge Frau von 17 Jahren im australischen Brisbane. Dort lebt sie mit ihrer Mutter in einem Auto auf einem Schrottplatz, auf dem noch weitere Wohnungslose, sie nennt sie „Treibende“, eine Gesellschaft bilden. Die junge Frau kennt ihren Namen nicht, ihre Mutter hat ihn ihr nicht verraten. Sie weiß bloß, dass sie schon seit sie ein Baby ist mit ihrer Mutter auf der Flucht ist. Die junge Frau beschäftigt sich auf der einen Seite mit der Frage nach ihrem Namen, auf der anderen Seite geht sie das harte Leben, das sie führt, sehr pragmatisch an. Sie ist voller Liebe für ihre Mutter und die anderen Treibenden, wie z.B. ihren besten Freund. Ihre große Leidenschaft ist die Kunst, sie hält alles in ihrem Skizzenbuch mit Stift oder Tusche fest. Ihr Traum: eine Ausstellung im Metropolitan Museum of Art, in der nach ihrem Tod ihr bewegtes Leben den Besucher:innen nahegebracht wird.

Über 600 Seiten darf man als Leser:in die junge Frau begleiten, sie wird sich verlieben, trauern, kämpfen, Dinge tun, die sie nie tun wollte, und malen. Sie erlebt Höhen und einige Tiefen.
Ich mag die Protagonistin und empfinde ihr Denken, Fühlen und Handeln als sehr authentisch. Wenn man so möchte, ist sie eine ungewöhnliche Heldin.

Dieser Roman thematisiert unfassbar viele ernste Aspekte: Gewalt gegen Frauen, Kriminalität, Wohnungslosigkeit, Gentrifizierung, sozialen Zusammenhalt, Drogenkonsum und viele mehr. Trotz der schweren Themen ist der Roman nicht überfrachtet und hat auch nicht „schwer“ auf mich gewirkt. Neben den Schicksalen und Ungerechtigkeiten ist in dem Roman auch immer ganz viel Liebe und Vertrauen – und so auch Hoffnung.

Ich habe den Roman als durchaus nachdenklich und philosophisch wahrgenommen, wobei er sich wirklich gut und leicht lesen lässt. Jedes Kapitel beginnt mit einer Illustration, auf die ein kurzer Text wie im Museum folgt, der das Werk und die Intention der Künstlerin beschreibt. Diesen Aufbau finde ich sehr originell und gelungen, insbesondere weil die Illustrationen hervorragend auf den Inhalt der Kapitel abgestimmt sind.

Obwohl der Roman über 600 Seiten umfasst, habe ich kaum Längen wahrgenommen. Insgesamt habe ich ihn wirklich gerne gelesen – sowohl inhaltlich und sprachlich als auch aufgrund der sehr liebevollen Gestaltung.