Bewegender Einblick

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marieon Avatar

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Thüringen 1995

Lange dachte Leni, dass sie die Erstgeborene war, dicht gefolgt von Etgar, Alex, Josi und Kiki. Sie war acht, als sie hinter dem Haus einen Anhänger aus Glas mit facettiertem Schliff fand. Sie hielt ihn gegen die Sonne und sah das Bündel bunten Lichts. Da fiel ihr ein, wo sie das schon einmal gesehen hatte. Das war der Tag, an dem sie Lori verlor.

Als der schwere Holzbalken krachend unter ihr barst und sie auf dem Rücken liegen blieb, stürzten Etgar, Josi, Alex und Kiki wild durcheinanderschreiend in die Küche: „Leni!“ Keine dreißig Sekunden später lag Leni auf der Couch. Ihr Papa schob die Kinder raus, öffnete den Sanitätskoffer und nahm Instrumente heraus. Mit dem Skalpell schnitt er eine kleine Öffnung in die Zwischenrippenmuskeln, dort wo die eine Rippe das Lungenfell durchstoßen hatte.

Während er das machte, dachte Leni an Wäscheberge, die durch Mutters Hände nach Farben in Körbe sortiert wurden. Wie Mutter in der Sonne stand und die einzelnen Stücke an die Leinen hängte, zu ihren Füßen der letztgeborene Etgar. Er lauschte Mutters Stimme, die summte. Immer wieder hat sie Nachschub gebraucht für ihren hungrigen Mutterleib. Immer dann, wenn der Zauber der Hilflosigkeit und Bedürftigkeit verschwunden war.

Vorsichtig führte er das Heimlich-Ventil in den Spalt, der Druck im Brustkorb ließ nach und Leni flüsterte: „Danke Papa“. S. 13

Seit 1985 lebten sie in einem alten Bahnhofshaus, dessen Strecke 1945 stillgelegt wurde. Dazwischen hatten andere Leute dort gewohnt Asoziale, Schläger, Politische. Sie teilten die Aussicht auf beschwerliche Winter und den Blick auf die endlose Weite der Felder. Hier lebte man isoliert, ein Zufluchtsort für alle, die etwas auf dem Kerbholz hatten, wie ihre Eltern, die in Verdacht geraten waren.

Fazit: Die Journalistin und Autorin hat in ihrem zweiten fiktiven Roman eine Familiengeschichte erzählt. Sechs Kinder haben die Eltern bekommen, aber eine fehlt. Die Geschichte wird aus Sicht der Protagonistin Leni erzählt, die Zweitgeborene. Niemand sprich über Loris Verschwinden, doch nach und nach kommen Leni nebulöse Erinnerungen. Seit einer Kopfverletzung leidet sie an einer Konversionsstörung und weiß nicht, wie weit sie ihrer eigenen Wahrnehmung trauen kann. Sie erzählt sprunghaft und immer wieder tauchen Szenen ihrer Eltern wie Lichtblitze auf. Allmählich erfahre ich von einem unschönen Teil der Familiengeschichte. Lenis Vater hatte einen Ausreiseantrag gestellt und galt seitdem als republikflüchtig, weswegen die Stasi ein besonderes Augenmerk auf ihn richtete. Ein folgenschweres Unglück, hervorgerufen durch Staatsgewalt und eine Fehlentscheidung, führen zur Erpressbarkeit der Mutter. Die Geschichte ist so spannend wie besonders, weil sie sich erst nach und nach entblättert. Die Autorin findet eine ansprechende Stimme:

Zusammengepfercht saß die Ein-Tages-Gemeinde auf den harten, schmalen Kirchenbänken. Auch in der Spätmoderne sollte es der Gläubige nicht allzu bequem haben während seiner geistigen Versenkung. Er war noch immer schuldig, angewiesen auf Gottes Gnade. Ein gemütliches Sitzmöbel hätte dieses Gefälle konterkariert. S. 189

Ich fand die Geschichte zu Anfang etwas holprig, dann allmählich rund und verständlich und zum Ende richtiggehend bewegend. Ein gelungener DDR-Familienroman, den ich gerne empfehle.