Die fehlenden Antworten

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Das Buch zeigt, was beständiges Schweigen zu bedeutsamen Fragen auslösen und welche dramatischen Auswirkungen das haben kann.
Inhaltlich geht es um Leni, die mit ihren Eltern und fünf Geschwistern in einem stillgelegten Bahnhof mitten in Thüringen aufwächst. Der Vater kümmert sich sehr fürsorglich um alle Belange, die für die Kinder wichtig sind, während sich die Mutter immer nur auf das jeweils jüngste Kind konzentriert. Durch den unachtsam liegengelassenen Mutterpass erfährt Leni, die Ich-Erzählerin in diesem Buch, dass die Mutter sieben Schwangerschaften durchlaufen hat. Aber was ist mit dem siebten Kind passiert, warum ist es nicht greifbar? Auch sieht sie z.B. Narben an den Händen der Eltern, die ihr keiner zufriedenstellend erklärt.
Ich fand das Buch sehr spannend, denn auch ich wollte wie die Protagonistin unbedingt wissen, was vor Jahren passiert war. Warum flüchtet sich die Mutter in immer wieder neue Schwangerschaften, um sich intensiv um das Baby bzw. Kleinkind kümmern zu können, bis es sie nicht mehr braucht? Warum hat der Vater das Bedürfnis, sich überall helfend beliebt zu machen? Und auch wenn die Geschwister nicht bewusst wahrnehmen, dass eine ältere Schwester fehlt, merkt man, dass etwas in der Familiengemeinschaft nicht richtig läuft, denn alle Kinder entwickeln mehr oder weniger starke psychische Auffälligkeiten (Borderline Syndrom, Depressionen etc.).
Nach und nach erfährt man immer mehr Details und fängt an, sich ein Gesamtbild zusammen zu setzen. So erhält man zudem Einblicke in die politischen und sozialen Gepflogenheiten der ehemaligen DDR, was ich auch sehr informativ und erschreckend fand.
Die vorgelebte Paarbeziehung der Eltern sowie das oberflächlich glückliche Familienleben haben in meinen Augen auch Auswirkungen auf Lenis Lebensgestaltung sowie diejenige ihrer Geschwister. Denn als alle sich gegen Ende des Buches zum Sommerfest treffen, ist da niemand, der einen festen Lebenspartner mitbringt, was bei sechs Geschwistern schon auffällig ist. Statt einer Gemeinschaft ziehen sie das Alleinsein der Verlogenheit vor.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es hat mich sehr berührt. Ich möchte es allen empfehlen, die hintergründige Literatur lieben, denn vieles wird nur angedeutet. Es ist sicherlich keine Unterhaltung für den Strandkorb, sondern man sollte sich voll darauf konzentrieren, besonders auf all das, was zwischen den Zeilen zu lesen ist.