Dieses Buch trifft mitten ins Herz
Dieses unscheinbare Büchlein rührt etwas in mir an, das ich schwer in Worte fassen kann. Es mag daran liegen, dass die Autorin nur etwas jünger ist als ich, dass die Geschichte in der Gegend spielt, in der ich aufgewachsen bin und mich daher vieles, was neben der eigentlichen Geschichte passiert, seltsam bekannt ist. Mit diesem Buch schwingt etwas Heimat mit, obwohl ich sonst mit dem Wort, nicht viel anfangen kann. Die Geschichte von Leni, die mit ihren fünf Geschwistern in einem alten Bahnhof aufwächst und erwachsen wird, wird mit klarer, unsentimentaler Sprache erzählt. Und doch liegt darin eine besondere Kraft und sehr viel Gefühl. Immer wieder streifen Leni Erinnerungen, die sie nicht einordnen kann, die sie verwirren. Was hat es mit der toten Schwester Lori auf sich? Ihre Spurensuche erzählt die Lebensgeschichte der Eltern in den 70er und 80er Jahren der DDR. So viele Lügen, so viel Ungesagtes lauert in der Vergangenheit. Lenis eigenes Unvermögen, Licht ins Dunkel zu bringen, ihr Zögern ist sehr gut spürbar. Doch irgendwann, wie bei einer Wunde, die nicht verheilt, brechen die Verkrustungen auf. Vor Leni entblättern sich Lebenslügen, Verrat und eine große Tragödie. Die Nebengeschichte um Lenis besten Freund Lutz ist ebenfalls sehr bewegend. Neben den Figuren und der eigentlichen Handlung, ist es aber auch dieses Lebensgefühl, das die Autorin beschreibt, das mich einfängt. Die unbeschwerte Langeweile eines heißen Sommers auf dem Land, die Zeit des Umbruchs 1989, die Scham, beim ersten Besuch im Westen und die unterschiedlichen Wesenszüge eines vereinten Landes. Für mich ist dieses Buch ein Schatz, der mich sicher noch lange begleiten wird.