Ein Zeugnis, wie sich Erinnerungen manifestieren

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
turbulenzen_und_so Avatar

Von

Mit Tränen in den Augen klappe ich das Buch zu. Was für ein Buch. Was für eine Geschichte. Anousch Müller erzählt so ruhig und doch brodelt es die ganze Zeit und ich spüre die Wucht unter der Oberfläche.

Leni ist die Erzählerin und sie spürt ihr junges Leben lang, dass da etwas fehlt, dass da jemand fehlt. Ein Geheimnis über das niemand spricht. Eine Schwester, die nicht mehr da ist. Dabei wächst sie in einer scheinbar heilen Welt mit liebenden Eltern und fünf Geschwistern auf. Scheinbar heile Welt, denn es ist die DDR, in die sie geboren wird. Man konnte eine glückliche Kindheit in der DDR haben, keine Frage, ich weiß das. Ich bin selbst ein Kind dieses Landes und auch ein Kind der späten Siebziger. Das Unrecht offenbarte sich mir erst im Nachhinein.

Die Geschwister in der Geschichte hadern unbewusst mit dem großen Geheimnis, der eine trinkt, die andere ist Borderlinerin, ein weiterer leidet an Depressionen. Ob es wirklich das Ungesagte ist, dass dazu führt mag ich nicht beurteilen.
Aber Leni fängt an zu graben. Sie gräbt die Erinnerungen aus und wird im Elternhaus (ein alter Bahnhof als Setting könnte passender nicht sein) fündig.
Es braucht noch, bis sie Mutter und Vater konfrontiert. Und weitere Wahrheiten kommen ans Licht. Wahrheiten, die eng verbunden mit dem Unrechtsstaat sind.

Es fällt mir nicht leicht, meine Gedanken zu diesem Buch in Worte zu fassen, denn ich bin immer noch sehr berührt. Jeder einzelner Charakter hat seine Verfehlungen und Abgründe und ist doch so liebenswert, vom Stasimann Werner einmal abgesehen.
Ich hatte mich sehr auf das Buch gefreut und doch ist es ein Überraschungshit für mich.

Mich berührt und beeindruckt der Gedanke, wie sehr sich Erinnerungen unbewusst manifestieren können. Leni und ihr Bruder Etgar waren bereits auf der Welt, als Lori, die abwesende Schwester, verschwand und da ist eine Unruhe in ihnen, die in den Worten von Anousch Müller zu fühlen sind, solange der Verlust nicht ausgesprochen wird.

Besonders zerrissen hat mich Lenis Lebensfreund Lutz. Er ist immer da, hört zu, missachtet aber einmal eine Grenze und mehr möchte ich nicht spoilern.

Neben den ganzen Emotionen erfahren wir auch einiges über das Leben in der DDR, über ein Unglück in Cottbus, über Textilfabriken und über Honecker. Dieses schmale Buch bietet daher viel und ich kann es uneingeschränkt auch als Sommerlektüre empfehlen, für alle, die sich ein Buch mit Tiefgang wünschen.