Eine Familiengeschichte über Schweigen, Erinnerungen und die Suche nach der eigenen Vergangenheit

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In „Lori“ erzählt Anousch Müller die Geschichte von Leni und ihren fünf Geschwistern, die 1995 auf einem verlassenen Bahnhof in Thüringen aufwachsen und spüren, dass in ihrer Familie etwas nicht stimmt. Im Mittelpunkt steht Loris Schicksal und die Frage, was in den frühen siebziger Jahren der DDR mit ihr geschah. Lenis Suche nach Antworten führt sie tief in die Familiengeschichte und zu einer Vergangenheit, über die lange geschwiegen wurde.

„Lori“ ist für mich deshalb vor allem eine Familiengeschichte über Dinge, über die nicht gesprochen wird. Über eine Vergangenheit, die man am liebsten irgendwo verstauen würde, in der Hoffnung, dass sie dann irgendwann keine Rolle mehr spielt. Aber genau das funktioniert eben nicht. Was verschwiegen wird, verschwindet nicht einfach. Es verändert Menschen, Beziehungen und irgendwann auch die Kinder, die eigentlich gar nicht alles wissen sollten. Und genau dieser Gedanke hat mich durch das Buch begleitet.

Ich blicke trotzdem etwas zwiegespalten auf dieses Buch zurück. Denn auf der einen Seite hat mir die Art, wie Anousch Müller erzählt, wirklich gut gefallen. Der Roman lässt sich ruhig und angenehm lesen und gleichzeitig steckt erstaunlich viel Psychologie zwischen den Zeilen. Es geht weniger darum, große Ereignisse spektakulär auszuerzählen, sondern vielmehr darum, was diese Ereignisse mit Menschen machen. Wie sie sich in einer Familie festsetzen und von einer Generation zur nächsten weiterwirken können.

Dabei entsteht das Bild einer Familie, in der eigentlich jeder sein eigenes Päckchen trägt. Jeder hat Dinge erlebt, jeder geht anders damit um und jeder versucht auf seine Weise, mit dem klarzukommen, was die Vergangenheit hinterlassen hat. Gerade dieses Zusammenspiel fand ich interessant. Man merkt, dass hier vieles miteinander verbunden ist und dass bestimmte Verhaltensweisen nicht einfach aus dem Nichts entstehen.

Die Mutter habe ich dabei gerade zu Beginn als ausgesprochen kühl erlebt. Es hat mir teilweise wirklich wehgetan zu lesen, wie wenig Liebe und Wärme sie ihren Kindern entgegenbringen konnte. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass auch sie selbst ein großes Trauma erlebt hat und dieses offenbar nie wirklich verarbeitet wurde. Umso berührender fand ich es, später mitzuerleben, wie sie langsam versucht damit umzugehen. Nicht plötzlich und auch nicht perfekt, aber eben Stück für Stück. Währenddessen ist der Vater immer wieder darum bemüht, das auszugleichen, was ihnen von ihrer Mutter fehlt. Ich habe mich dabei schon gefragt, ob vielleicht auch Schuldgefühle dahinterstecken. Ganz sicher bin ich mir nicht, aber gerade diese unausgesprochenen Beweggründe fand ich interessant.

Bei allen Figuren hatte ich aber das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Es blieb für mich eher blass, obwohl ihre Geschichten eigentlich genügend Stoff geboten hätte um ihnen mehr Tiefe zu geben. Dadurch blieb bei mir stellenweise eine gewisse Distanz bestehen. Ich habe verstanden, was die Familie geprägt hat, aber ich konnte nicht zu allen Familienmitgliedern dieselbe Nähe entwickeln.

Besonders interessant fand ich den historischen Hintergrund. „Lori“ erzählt vom Aufwachsen in der DDR und vom Übergang in das Leben nach dem Mauerfall, ohne daraus eine einfache Bewertung zu machen. Genau das hat mir gefallen. Die Zeit wird nicht einfach in gut und schlecht eingeteilt. Stattdessen bekommt man einen Einblick in den Alltag und in eine Lebenswelt, die sich verändert. Cottbus spielt dabei eine große Rolle. Die Stadt, ihre Entwicklung, ihre Veränderungen und auch die Stellen, an denen etwas wieder zu zerfallen scheint, werden ausführlich beschrieben. Dadurch bekommt die Geschichte einen sehr konkreten Ort und gleichzeitig ein Gefühl für eine Zeit, in der sich für viele Menschen plötzlich vieles verändert hat.

Eine Passage ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben, denn für mich steckt darin auch Lenis Erkenntnis, dass sie die Geschichte ihrer eigenen Familie lange nicht wirklich einordnen konnte. Sie ist in der DDR aufgewachsen, kennt aber die historischen Zusammenhänge dahinter kaum und muss nun feststellen, dass genau dort ein Teil der Antworten auf ihre Familiengeschichte liegt. Ihre Gedanken waren:

«„Die zwei Körper des Königs“
Manchmal flackerte noch etwas aus meinem (abgebrochenen) Geschichtsstudium auf. Die DDR hatte ich völlig ausgelassen. Wie alles nach 1913. Ich war vor dem ersten Weltkrieg hängen geblieben. Vor der Finsternis des Zwanzigsten Jahrhunderts. Als man noch den Eindruck haben Konnte, der Mensch sei viel zu sehr mit sich und seien Neurosen beschäftigt. Als dass er die Welt in den Abgrund führen könnte. 》

Auch Lenis Erinnerung an die Zeit nach dem Mauerfall ist mir sehr nahegegangen. Besonders die Beschreibung der westlichen Sicht auf den Osten:
》Der Osten, das war blutgetränkter Boden, das war Stalingrad, das waren Gaskammern, das waren Vernichtung und Schuld, so unermesslich, dass sie hinter Eisernen Vorhängen für immer hätte verwahrt bleiben können.《

Ein sehr starker Gedanke, weil hier deutlich wird, wie unterschiedlich Geschichte wahrgenommen werden kann und wie schnell ein ganzes Land, eine Region und die Menschen, die dort gelebt haben, auf eine bestimmte historische Erzählung reduziert werden können.

Und dann ist da noch dieses Bedürfnis, nicht aufzufallen. Dinge lieber nicht anzusprechen. Einen Mantel des Schweigens über etwas zu legen und darauf zu hoffen, dass es irgendwann von selbst weniger wichtig wird. Gerade dieser Aspekt hat mich beschäftigt, weil er sich nicht nur auf die große Geschichte übertragen lässt, sondern auch auf das ganz persönliche Familienleben.

Was ich dabei besonders eindringlich fand, ist der Umgang mit Kindern und dem, was Erwachsene ihnen zutrauen oder eben nicht zutrauen. Kindern wird oft abgesprochen, dass
- sie Dinge mitbekommen,
- sie spüren, wenn etwas nicht stimmt,
- sie Fragen stellen, Zusammenhänge suchen und sich ihre eigenen Gedanken machen.
Dabei bekommen Kinder viel mehr mit, als Erwachsene manchmal wahrhaben wollen. Und wenn sie älter werden, nehmen sie diese offenen Fragen irgendwann mit ins Erwachsenenleben.

Genau dieses Gefühl, innerlich nach etwas zu suchen, das man selbst gar nicht richtig greifen kann, zieht sich für mich durch das Buch.
Gleichzeitig hatte ich bei den Geschehnissen rund um den tragischen Tag irgendwann das Gefühl, dass mir manche Antworten fehlen. Auch die Zusammenhänge mit der Stasi und der Aufklärung werden für mein Empfinden teilweise eher angerissen, als wirklich bis ins Letzte ausgeführt. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht konkreter werden, weil ich nichts vorwegnehmen möchte. Aber gerade weil diese Ereignisse für die Familie so entscheidend sind, hätte ich mir an einigen Stellen etwas mehr Tiefe und Aufklärung gewünscht.

Trotzdem ist „Lori“ für mich ein lesenswerter und vor allem ungewöhnlicher Familienroman. Ruhig erzählt, mit einem interessanten Blick auf das Leben in der DDR, die Veränderungen nach dem Mauerfall und die Frage, was passiert, wenn eine Familie versucht, ihre Vergangenheit einfach hinter sich zu lassen.