Eine Kindheit am Ende der Welt
Helena Ross wird von allen nur Leni genannt. Zusammen mit ihren fünf Geschwistern und ihren Eltern lebt sie in einem verlassenen Bahnhofsgebäude, irgendwo in Thüringen. "Das Ende der Welt" nennen die Dorfbewohner den Ort. Ein Zug ist hier schon lange nicht mehr gefahren. Als Leni beim Spielen ein funkelndes Glasschmuckstück findet, kehren längst verdrängte Erinnerungen langsam zurück. Gab es nicht noch ein siebtes Geschwisterkind? Und was ist bloß mit Lori passiert?
Die Antwort darauf liefert Anousch Mueller in ihrem neuen Roman "Lori", der bei C. H. Beck erschienen ist. Es ist Muellers zweiter Roman, ganze 13 Jahre nach "Brandstatt", für den sie 2013 den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung erhielt. Das Cover ist hervorragend gewählt, da es sehr gute Hinweise darauf gibt, was die Leserin erwartet. Verschwommene Erinnerungen an eine Kindheit, die nicht nur aufgrund des kuriosen Wohnortes so ganz anders verlief als bei anderen Kindern. Dazu ein älteres Geschwisterkind, dessen Gesicht man gar nicht mehr erkennt. So weit zurück liegen die Gedanken, so vage bleiben sie.
Die Handlung setzt in Jahre 1995 ein, als sich die 16-jährige Leni bei wagemutigen Klettereien in der Scheune schwer verletzt. Es ist nur die erste von zahlreichen Verletzungen physischer und psychischer Art, die die Protagonistin im Laufe der gut 200 Seiten erleidet. Ich-Erzählerin Leni schert sich dabei nicht um die genaue Einhaltung der zeitlichen Abfolge. Immer wieder schweift sie ab, blickt in die Zeit zurück, als sie vier oder acht Jahre alt war, schaut aber auch allwissend auf das Kennenlernen ihrer Eltern und darüber hinaus.
Dabei ist es vor allem der Beginn von "Lori", der begeistert. Die Erzählungen aus der Kindheit, vom Leben auf dem Bahnhofsgelände sind wildromantisch, poetisch und voller Kraft. Wenn Leni gemeinsam mit ihrem Bruder Etgar die Schienen entlangspaziert und einen Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg betrachtet, wenn sie abends auf die Lichter des Dorfes blickt, sind das auch sprachlich großartige Momente, die mir immer wieder eine Gänsehaut bescherten. Ständig schwirrt der Name "Lori" durch ihren Kopf. "Ein einzelnes, verlorenes Mädchen. Ein Mädchen, das heimkehren will", denkt auch Etgar an seine Schwester zurück, ohne die Gedanken ordnen zu können. Nirgendwo gibt es ein Foto von Lori, ihr Name fällt auch nicht. Und doch erkennt Leni nach der Geburt des jüngsten Kindes Paul im Geburtspass der Mutter den entscheidenden Hinweis. Geburten: 7.
Nun würden das Setting des verlassenen Bahnhofs und das große Familengeheimnis allein schon einen wunderbaren Roman abgeben. Doch leider belässt Anousch Mueller es nicht dabei, sondern möchte en passant auch noch einige Kapitel der DDR-Historie nacherzählen. Da erfährt man, wie Erich Honecker sich an die Macht putschte oder auch wie sich die Bürger der ehemaligen DDR fühlten, als sie nach dem Mauerfall im Westen ihr Geld abholten. Geradezu didaktisch wirkt "Lori", wenn Leni zusammen mit ihrem besten Freund Lutz durch Cottbus zieht und dieser ihr die Orte ihrer Geburt zeigt und immer wieder auf die Geschichte der Eltern eingeht. Das ist schade, denn "Lori" beraubt sich in diesen Momenten seiner großen Stärken: der Sprache, den Emotionen, aber auch der ungemein spannenden Familiengeschichte.
Zudem mutet die Autorin ihrer Protagonistin einiges zu. Leni steckt fest zwischen einem viel älteren verheirateten Liebhaber, ihrem Freund Lutz, der seit Kindheitstagen für sie schwärmt, einem liebevollen, aber schweigenden Vater und einer immer abwesend wirkenden harten Mutterfigur. Interessant sind in diesem Zusammenhang besonders Lutz und die Mutter. Lutz ist ein romantischer Punk, ein Träumer, dessen schöne Gedichte Mueller immer wieder in ihre Prosa einfließen lässt und dadurch "Lori" auch formal zu einer Besonderheit macht. Hingegen ist die Mutter differenzierter zu betrachten. Irgendwann im Roman gibt es einen Stimmungswechsel, der Leni zu einer Vertrauten der Mutter werden lässt, obwohl diese sich nie liebend gezeigt hat und mit der Erziehung ihrer Kinder stark überfordert war. Dieser Wechsel lässt sich eigentlich nur dadurch erklären, dass es letztlich die Mutter ist, die Leni die entscheidenden Informationen liefert - und noch viel mehr. Dennoch konnte ich die plötzliche Empathie zu der Figur nicht nachvollziehen.
Kleinere Schwachpunkte eines insgesamt aber starken Beitrags der deutschen Gegenwartsliteratur, den ich vor allem wegen der atmosphärischen Kindheitserinnerungen sehr gern gelesen habe. "Lori" ist letztlich eine gelungene Mischung aus Coming-of-Age-, Familien- und Liebesroman, der große Themen wie Schuld, Trauer und Verlust behandelt, ohne dabei jemals in den Kitsch abzurutschen.
Die Antwort darauf liefert Anousch Mueller in ihrem neuen Roman "Lori", der bei C. H. Beck erschienen ist. Es ist Muellers zweiter Roman, ganze 13 Jahre nach "Brandstatt", für den sie 2013 den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung erhielt. Das Cover ist hervorragend gewählt, da es sehr gute Hinweise darauf gibt, was die Leserin erwartet. Verschwommene Erinnerungen an eine Kindheit, die nicht nur aufgrund des kuriosen Wohnortes so ganz anders verlief als bei anderen Kindern. Dazu ein älteres Geschwisterkind, dessen Gesicht man gar nicht mehr erkennt. So weit zurück liegen die Gedanken, so vage bleiben sie.
Die Handlung setzt in Jahre 1995 ein, als sich die 16-jährige Leni bei wagemutigen Klettereien in der Scheune schwer verletzt. Es ist nur die erste von zahlreichen Verletzungen physischer und psychischer Art, die die Protagonistin im Laufe der gut 200 Seiten erleidet. Ich-Erzählerin Leni schert sich dabei nicht um die genaue Einhaltung der zeitlichen Abfolge. Immer wieder schweift sie ab, blickt in die Zeit zurück, als sie vier oder acht Jahre alt war, schaut aber auch allwissend auf das Kennenlernen ihrer Eltern und darüber hinaus.
Dabei ist es vor allem der Beginn von "Lori", der begeistert. Die Erzählungen aus der Kindheit, vom Leben auf dem Bahnhofsgelände sind wildromantisch, poetisch und voller Kraft. Wenn Leni gemeinsam mit ihrem Bruder Etgar die Schienen entlangspaziert und einen Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg betrachtet, wenn sie abends auf die Lichter des Dorfes blickt, sind das auch sprachlich großartige Momente, die mir immer wieder eine Gänsehaut bescherten. Ständig schwirrt der Name "Lori" durch ihren Kopf. "Ein einzelnes, verlorenes Mädchen. Ein Mädchen, das heimkehren will", denkt auch Etgar an seine Schwester zurück, ohne die Gedanken ordnen zu können. Nirgendwo gibt es ein Foto von Lori, ihr Name fällt auch nicht. Und doch erkennt Leni nach der Geburt des jüngsten Kindes Paul im Geburtspass der Mutter den entscheidenden Hinweis. Geburten: 7.
Nun würden das Setting des verlassenen Bahnhofs und das große Familengeheimnis allein schon einen wunderbaren Roman abgeben. Doch leider belässt Anousch Mueller es nicht dabei, sondern möchte en passant auch noch einige Kapitel der DDR-Historie nacherzählen. Da erfährt man, wie Erich Honecker sich an die Macht putschte oder auch wie sich die Bürger der ehemaligen DDR fühlten, als sie nach dem Mauerfall im Westen ihr Geld abholten. Geradezu didaktisch wirkt "Lori", wenn Leni zusammen mit ihrem besten Freund Lutz durch Cottbus zieht und dieser ihr die Orte ihrer Geburt zeigt und immer wieder auf die Geschichte der Eltern eingeht. Das ist schade, denn "Lori" beraubt sich in diesen Momenten seiner großen Stärken: der Sprache, den Emotionen, aber auch der ungemein spannenden Familiengeschichte.
Zudem mutet die Autorin ihrer Protagonistin einiges zu. Leni steckt fest zwischen einem viel älteren verheirateten Liebhaber, ihrem Freund Lutz, der seit Kindheitstagen für sie schwärmt, einem liebevollen, aber schweigenden Vater und einer immer abwesend wirkenden harten Mutterfigur. Interessant sind in diesem Zusammenhang besonders Lutz und die Mutter. Lutz ist ein romantischer Punk, ein Träumer, dessen schöne Gedichte Mueller immer wieder in ihre Prosa einfließen lässt und dadurch "Lori" auch formal zu einer Besonderheit macht. Hingegen ist die Mutter differenzierter zu betrachten. Irgendwann im Roman gibt es einen Stimmungswechsel, der Leni zu einer Vertrauten der Mutter werden lässt, obwohl diese sich nie liebend gezeigt hat und mit der Erziehung ihrer Kinder stark überfordert war. Dieser Wechsel lässt sich eigentlich nur dadurch erklären, dass es letztlich die Mutter ist, die Leni die entscheidenden Informationen liefert - und noch viel mehr. Dennoch konnte ich die plötzliche Empathie zu der Figur nicht nachvollziehen.
Kleinere Schwachpunkte eines insgesamt aber starken Beitrags der deutschen Gegenwartsliteratur, den ich vor allem wegen der atmosphärischen Kindheitserinnerungen sehr gern gelesen habe. "Lori" ist letztlich eine gelungene Mischung aus Coming-of-Age-, Familien- und Liebesroman, der große Themen wie Schuld, Trauer und Verlust behandelt, ohne dabei jemals in den Kitsch abzurutschen.