Eine Leerstelle füllt das Leben
Leni wächst mit ihren fünf Geschwistern in einem verlassenen Bahnhofsgebäude auf. Es ist ein Szenario wie in einem Märchenbuch, mitten Thüringen. Der Bahnhof steht in Entfernung zum Dorf, die Kinder sind wild und frei, haben sich, ihren liebenden, überfürsorglichen Vater, die Mutter, die alle mit Liebe beschenkte und dennoch immer wieder in sich selbst verschwindet.
Seit ihrer frühen Kindheit ahnt Leni, dass etwas fehlt. Es gibt eine Leerstelle in der Familie, über die das Schweigen wacht. Das Unausgesprochene wird Teil der Familie, gräbt sich ein, hinterlässt Kinder, die später alle keine Kinder haben werden und auf sehr individuelle Art einen eigenen Ausdruck suchen.
Die Distanz zwischen dem Bahnhof und dem Dorf scheint mit jedem Teenagerjahr Lenis zu wachsen. Die Sprache bleibt intellektuell sezierend, punktgenau und zielstrebig. Berlin scheint weit genug weg, um dem Schweigen als junge Frau zu entfliehen, doch der Leerstelle entflieht sie nicht. Sie will gefüllt werden.
Mit jugendlichem Rausch, mit einem Liebhaber, mit Recherche, mit der Stellungnahme zur Staatsmacht der DDR, deren Manipulation, Unterdrückung und Machtmissbrauch sich als Schuld und Scham, Schweigen und Misstrauen in die Familiengeschichte einschreibt.
Fast scheint es, als trete die Erzählerin aus sich selbst heraus und beobachte sich selbst in ihrer Welt. Messerscharf analysiert sie die politische Lebensrealität und setzt sie fortwährend zu sich und ihrer Familie in Relation.
Anousch Mueller erzählt außergewöhnliche und doch ganz private Lebensgeschichten, die mit der gesellschaftspolitischen Realität untrennbar verknüpft sind.
Durch unterschiedliche Zeitebenen und ausdrucksstarke Charaktere beleuchtet sie raffiniert und differenziert das politische System aus verschiedenen Perspektiven und verdichtet sie zu einer komplexen Lebensrealität.
Genau das macht Lori zu einem bedeutenden Roman. Anousch Mueller widerspricht dem Stereotyp einer allgemein gültigen Ost-Vergangenheit jenseits von Opfererzählungen oder anderen Rollenzuschreibungen. Sie erzählt von Schuld und Traumabewältigung, Trauer und davon, was es bedeutet, in einem menschenverachtenden System die Wahrheit auszuhalten.