Familienportrait mit Schatten.

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
lysch Avatar

Von

Leni wächst mit ihren 5 Geschwistern in einem stillgelegten Bahnhofsgebäude auf. Von außen eine absolute Bullerbü-Kindheit mit Baumhaus-Übernachtungen, wilder Natur und vielen Freiheiten. Doch gleichzeitig ist da dieses Gefühl, dass etwas mit ihrer Familie nicht stimmt, dass jemand fehlt. Da sind Erinnerungsfetzen, die sie aus dem Nichts überkommen, Andeutungen, die ins Leere laufen und das konstante Schweigen ihrer Eltern. Leni beginnt zu hinterfragen und stößt auf Lori und auf die unerzählte Geschichte ihrer Familie, die tief in die DDR der 70er Jahre führt...

Dieses Buch zu lesen fühlt sich an als würde man ein Familienportrait betrachten, auf dem jeder ernst in die Kamera blickt und den verwischten Schatten direkt in der Mitte so gut es geht zu ignorieren versucht. Lori ist ein bewegender Roman, der Familientraumata und das fatale Schweigen, in das sich Menschen hüllen, aufarbeitet. Darüber hinaus wird die Geschichte der DDR gekonnt mit dem Geheimnis und den Schicksalen der Eltern verknüpft.
Mehr als die Enthüllung selbst hat mich die Sprache und der Erzählstil der Autorin gepackt. Anousch Mueller arbeitet mit Zeitsprüngen, Ungesagtem zwischen den Zeilen und Andeutungen. Feinfühlig umkreist sie ihre Figuren, nähert sich immer wieder von einer anderen Seite an und eröffnet den Leser*innen dadurch Raum für eigene Gefühle und Bewertungen. Lenis unvoreingenommener Umgang mit ihren Eltern hat mich persönlich dabei wirklich beeindruckt. Und das alles auf gerade einmal 200 Seiten.

Insgesamt ist dies ein leiser, sehr berührender Roman, den ich gerne gelesen habe. Teilweise hätte ich mir sogar ein wenig mehr Einblick in die jeweiligen Personen und Situationen gewünscht. Das ist mein einziger Kritikpunkt. Von mir daher eine klare Empfehlung.