Für mich ein absolut überraschendes Highlight

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nessabo Avatar

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Historische Romane, die sich um die DDR drehen, reizen mich in der Regel nicht wirklich, weil mir die Zeit einfach fremd ist. Aber Anousch Mueller hat mich spätestens nach dem ersten Drittel in ihren Bann gezogen. Was für eine unglaublich detailliert recherchierte und gut geplottete Familiengeschichte!

Leni wächst als eines von 6 Kindern in einem außergewöhnlichen Setting auf: Ein verlassenes Bahnhofsgebäude im Thüringen der 80er/90er-Jahre ist das Zuhause der Familie. Die Mutter kommt anfangs nicht gut weg, wirkt wie eine Gebärmaschine, die sich stets nur um das jüngste Kind intensiv kümmert, während sie sich von den anderen distanziert. Der Vater wiederum ist ein absolutes Herz, ein Helfer in allen Lebenslagen. Dass es ein großes Geheimnis gibt, welches alle Familienmitglieder prägt, ist von Anfang an klar: Leni erinnert sich schemenhaft an ein weiteres Kind.

Was mir anfangs die Lektüre erschwerte, war die etwas sprunghafte Erzählstruktur. Die Autorin verwendet zwar Jahresangaben am Anfang der Kapitel, hält sich innerhalb dieser aber nicht immer daran. Das wird im weiteren Verlauf deutlich besser, Durchhalten lohnt sich also!

Ich bin beeindruckt von der massiven Rechercheleistung, die in diesen Roman geflossen sein muss. Etliche Male habe ich direkt nachgelesen, etwa wie es in der Cottbusser Innenstadt der 70er Jahre ausgesehen und was es mit dem beschriebenen Unglück auf sich hat. Die Autorin verpackt historisches, popkulturelles und literarisches Wissen so dicht, dass es manchmal fast zu viel wirkt, aber eben nur fast. Denn rund herum entspannt sich eine unglaublich spannende, sensible Familiengeschichte, die mich tief bewegt und die Faktendichte problemlos aufgelockert hat.

Mueller verbindet die DDR-Realität so geschickt mit der Familienbiografie, dass ich gespannt und bedrückt zugleich war, während sich beim Lesen unzählige Fragen aufgeworfen haben. Wie viel Schweigen hält eine Familie eigentlich aus? Wie tief wirkt das autoritäre System trotz aller Abneigung doch in eine Beziehung hinein? Und was machen die vielen Geheimnisse mit den Kindern? Besonders eindrücklich schildert die Autorin, was das innerfamiliäre Schweigen psychisch mit den Kindern anrichtet.

Die Auflösung am Ende ist grandios geschrieben, die Annäherung von Leni und ihrer Mutter glaubhaft. Die Entwicklung der Freundschaft zwischen Leni und ihrem besten Freund Lutz habe ich überhaupt nicht kommen sehen, sie hat mich erst schockiert und dann gebrochen. Mueller bleibt an den richtigen Stellen vage, sodass wir den Subtext über das eigene Fühlen verstehen müssen. Die zweite Hälfte konnte ich gar nicht mehr aus der Hand legen und habe bis tief in die Nacht hinein gelesen.

Ein wenig ziehe ich ab für die an manchen Stellen etwas zu akademische Sprache, welche die Geschichte gar nicht nötig hatte. Im weiteren Verlauf habe ich dann aber überhaupt nichts mehr zu meckern.

Damit große Empfehlung - ich habe bislang noch kein Buch gelesen, das auf so wenigen Seiten die Realität und Ambivalenz sowie das Trauma der DDR-Bevölkerung derart eindrücklich schildern und das auch noch mit einer individuellen, spannenden Familiengeschichte kombinieren konnte.

4,5 ⭐️