"Ich rechne immer mit einer Katastrophe."
Der Titel dieser Rezension ist ein Zitat aus Anousch Muellers neuem Roman. Es ist Leni, die so denkt, fühlt und lebt in dieser traumatischen Familiengeschichte. Sie ist die Ich-Erzählerin, fühlt sich lange als Erstgeborene der Familie Ross, bis sich Erinnerungen einschleichen, die ihr ganzes Leben in Frage stellen, auch das ihrer Eltern und Geschwister.
Die Familie Ross ist kinderreich, das war man in der DDR schon mit drei Kindern, aber für Katharina und Robert ist nicht alles nur heile Welt, sie haben sechs Kinder großzuziehen und ein siebtes bleibt ein Phantom. Das ist Lori. Die Eltern lernen sich Mitte der 1970er Jahre kennen, und versuchen, im Arbeiter- und Bauernstaat ein gemeinsames Leben aufzubauen. Leni wird diejenige sein, die 2010 versucht, die Puzzleteile ihrer Familiengeschichte zusammenzufügen und das Phantom Lori nimmt dabei einen zentralen Platz ein. Denn sie erinnert sich an Lori, und sie liest im Mutterpass von sieben Schwangerschaften und sieben Geburten. Ein Geheimnis, das auf ihr genauso lastet, wie auf der Mutter, die sie besucht, und worunter auch der Vater leidet. Nachdem alle Kinder den elterlichen Bahnhof, in dem sie großwurden am Rande eines Thüringer Dorfes, verlassen haben, trennen sich auch die Eltern. „Im Guten“ nennt man das wohl. Aber jedes Familienmitglied nimmt einen Teil des gemeinsamem Traumas mit ins eigene Leben, es gibt keine Enkelkinder. Das ist wohl kein Zufall.
Der Roman umfasst aber nicht nur die private Sphäre, gesellschaftliche und politischen Probleme gehören in fast jeder DDR-Familie dazu, so auch hier. Katharina wird noch während ihrer Lehrzeit von einem „Romeo“ mit Namen Werner umgarnt, er drängt sie geschickt in die Rolle einer IM (Inoffiziellen Mitarbeiterin der Staatssicherheit), aus der sie sich kaum wieder lösen kann. Robert versucht mit mehrfachen Anträge auf Ausreise aus der DDR seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Aber ein Segelausflug mit der Familie, zwar ohne den ältesten Sohn (den man als Alibi zurücklässt), aber mit sechs kleinen Kindern an Bord, endet dramatisch, danach ist Lori weg, verschwunden, bleibt auf dem Grund der Ostsee und wird nie mehr erwähnt. Das ist die Ausgangslage, hierauf baut sich die Erzählung von Leni auf, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommt, mit ihrem Freund aus Kindertagen, Lutz, alles gemeinsam macht, aber ihn nie als Liebhaber an sich heranlässt. Er trägt das mit stoischem Gemüt, aber der Krug geht eben nur so lange zum Brunnen, bis er bricht.
Anousch Mueller versucht an verschiedenen Punkten, die DDR-Geschichte zu erklären, das sind aus meiner Sicht die literarisch schwächsten Stellen des Buches. Wenn Lutz bei einem Besuch in Cottbus, Lenis Geburtsstadt, versucht, Erich Honecker und die Diktatur des Proletariats zu erklären, liest sich das wie ein Wikipedia-Eintrag. Später, wenn 1989 die Mauer fällt, wird dann auch das Begrüßungsgeld, dass jedem DDR-Bürger überreicht wird, als Demütigung beschrieben, auch die Scham über die langen Schlangen bei der Auszahlung. Aber immerhin, die Familie ist dafür extra nach Fulda gefahren. Und war sich dann auch nicht zu fein, es zu nehmen.
Ich habe meine ersten 35 Lebensjahre in der DDR verbracht, kenne die Umstände, unter denen gelebt, geliebt, gelogen wurde, aus eigener Anschauung. Ich kenne auch die Ressentiments, die den DDR-Bürgern entgegengebracht wurden. „Vom Wartburgkreis bis Kap Deschnjow blieb der Osten eine zwielichtige Weltregion. Unzweifelhaft spannend, aber nicht ganz geheuer. Diebesland, fahrendes Volk, rückständig, rau, trunken, politisch verkorkst. […] Der Osten, das war blutgetränkter Boden, das war Stalingrad, das waren Gaskammern, das war Vernichtung und Schuld, so unermesslich, dass sie hinter Eisernen Vorhängen für immer hätte verwahrt bleiben können.“ So beschreibt es die Autorin, mir haben diese Art Ausflüge in die Vergangenheit nicht gefallen, sie passen für mich nicht in die tragische und komplizierte Familiengeschichte. Besser passt dann diese Erkenntnis, „Aber meine Eltern wussten natürlich, dass nun auch die Archive geöffnet wurden. Und dass irgendwo in diesen Akten auch ein dunkler Teil ihrer Lebensgeschichte lag.“ Und Leni wird diejenige sein, die den dunklen Stein viele Jahre später zum Rollen bringt.
Die Autorin hat einen gut lesbaren Schreibstil entwickelt, aber die Schlüssigkeit der Abläufe und Geschehnisse ergab sich mir beim Lesen nicht immer auf den ersten Blick. Abbrüche, Szenenwechsel, Zeitenwechsel lassen nur mühsam ein vollkommenes Bild entstehen. Vielleicht ist das Absicht, das Puzzle muss ja gelöst werden, aber es bleibt verwirrend. Eingestreute Gedichte lassen eine Melancholie erahnen, die auf die Traumata verweist, die sich angesammelt haben.
Die Charakterisierung der Protagonisten ist höchst unterschiedlich, die Mutter entfernt sich aus der Familie, ohne ihren Platz zu räumen, ist anwesend und doch nicht präsent, der Vater wird einerseits als der geborene Kümmerer beschrieben, andererseits wie ein entfernter Verwandter, der z. B. seinen Kindern ein Baumhaus baut, das aber nur dem Zweck des Wohlmeinens der Dorfgemeinschaft dient. Die Geschwister werden angedeutet, sind aber keine Hauptpersonen für Leni. Freund Lutz ist ihr da näher. Ihre Liebesbeziehungen bleiben verschwommen. Ich konnte jedoch für kaum eine der Romanfiguren besondere Empathie entwickeln, einzige Ausnahme: Lutz.
Offensichtlich kommt im Moment kaum ein Familienroman ohne mindestens eine Person in psychiatrischer Behandlung aus, zufällig las ich gerade Miriam Carbes „Unerwünschte Töchter“ und Jennifer Segebrechts „Muttertage“, auch dort findet sich diese Konstellation. Anousch Mueller setzt das hier fort, Leni benötigt bei der Bewältigung ihres Kindheitstraumas auch am Ende des Buches ärztliche Hilfe. Die Diagnose „Konversionsstörung“ ist offenbar nicht das einzige psychische Problem, das sie umtreibt.
Fazit: Lesenswert. Ein interessanter Familienroman, der vorrangig in der DDR vor und kurz nach der Wende angesiedelt ist, der versucht, verschiedene DDR-Problematiken und -Konflikte zu beleuchten. Schweigen und Verschweigen sind in diesem Roman die Ursache der Traumata, die sich wellenartig ausbreiten von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Die Familie Ross ist kinderreich, das war man in der DDR schon mit drei Kindern, aber für Katharina und Robert ist nicht alles nur heile Welt, sie haben sechs Kinder großzuziehen und ein siebtes bleibt ein Phantom. Das ist Lori. Die Eltern lernen sich Mitte der 1970er Jahre kennen, und versuchen, im Arbeiter- und Bauernstaat ein gemeinsames Leben aufzubauen. Leni wird diejenige sein, die 2010 versucht, die Puzzleteile ihrer Familiengeschichte zusammenzufügen und das Phantom Lori nimmt dabei einen zentralen Platz ein. Denn sie erinnert sich an Lori, und sie liest im Mutterpass von sieben Schwangerschaften und sieben Geburten. Ein Geheimnis, das auf ihr genauso lastet, wie auf der Mutter, die sie besucht, und worunter auch der Vater leidet. Nachdem alle Kinder den elterlichen Bahnhof, in dem sie großwurden am Rande eines Thüringer Dorfes, verlassen haben, trennen sich auch die Eltern. „Im Guten“ nennt man das wohl. Aber jedes Familienmitglied nimmt einen Teil des gemeinsamem Traumas mit ins eigene Leben, es gibt keine Enkelkinder. Das ist wohl kein Zufall.
Der Roman umfasst aber nicht nur die private Sphäre, gesellschaftliche und politischen Probleme gehören in fast jeder DDR-Familie dazu, so auch hier. Katharina wird noch während ihrer Lehrzeit von einem „Romeo“ mit Namen Werner umgarnt, er drängt sie geschickt in die Rolle einer IM (Inoffiziellen Mitarbeiterin der Staatssicherheit), aus der sie sich kaum wieder lösen kann. Robert versucht mit mehrfachen Anträge auf Ausreise aus der DDR seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Aber ein Segelausflug mit der Familie, zwar ohne den ältesten Sohn (den man als Alibi zurücklässt), aber mit sechs kleinen Kindern an Bord, endet dramatisch, danach ist Lori weg, verschwunden, bleibt auf dem Grund der Ostsee und wird nie mehr erwähnt. Das ist die Ausgangslage, hierauf baut sich die Erzählung von Leni auf, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommt, mit ihrem Freund aus Kindertagen, Lutz, alles gemeinsam macht, aber ihn nie als Liebhaber an sich heranlässt. Er trägt das mit stoischem Gemüt, aber der Krug geht eben nur so lange zum Brunnen, bis er bricht.
Anousch Mueller versucht an verschiedenen Punkten, die DDR-Geschichte zu erklären, das sind aus meiner Sicht die literarisch schwächsten Stellen des Buches. Wenn Lutz bei einem Besuch in Cottbus, Lenis Geburtsstadt, versucht, Erich Honecker und die Diktatur des Proletariats zu erklären, liest sich das wie ein Wikipedia-Eintrag. Später, wenn 1989 die Mauer fällt, wird dann auch das Begrüßungsgeld, dass jedem DDR-Bürger überreicht wird, als Demütigung beschrieben, auch die Scham über die langen Schlangen bei der Auszahlung. Aber immerhin, die Familie ist dafür extra nach Fulda gefahren. Und war sich dann auch nicht zu fein, es zu nehmen.
Ich habe meine ersten 35 Lebensjahre in der DDR verbracht, kenne die Umstände, unter denen gelebt, geliebt, gelogen wurde, aus eigener Anschauung. Ich kenne auch die Ressentiments, die den DDR-Bürgern entgegengebracht wurden. „Vom Wartburgkreis bis Kap Deschnjow blieb der Osten eine zwielichtige Weltregion. Unzweifelhaft spannend, aber nicht ganz geheuer. Diebesland, fahrendes Volk, rückständig, rau, trunken, politisch verkorkst. […] Der Osten, das war blutgetränkter Boden, das war Stalingrad, das waren Gaskammern, das war Vernichtung und Schuld, so unermesslich, dass sie hinter Eisernen Vorhängen für immer hätte verwahrt bleiben können.“ So beschreibt es die Autorin, mir haben diese Art Ausflüge in die Vergangenheit nicht gefallen, sie passen für mich nicht in die tragische und komplizierte Familiengeschichte. Besser passt dann diese Erkenntnis, „Aber meine Eltern wussten natürlich, dass nun auch die Archive geöffnet wurden. Und dass irgendwo in diesen Akten auch ein dunkler Teil ihrer Lebensgeschichte lag.“ Und Leni wird diejenige sein, die den dunklen Stein viele Jahre später zum Rollen bringt.
Die Autorin hat einen gut lesbaren Schreibstil entwickelt, aber die Schlüssigkeit der Abläufe und Geschehnisse ergab sich mir beim Lesen nicht immer auf den ersten Blick. Abbrüche, Szenenwechsel, Zeitenwechsel lassen nur mühsam ein vollkommenes Bild entstehen. Vielleicht ist das Absicht, das Puzzle muss ja gelöst werden, aber es bleibt verwirrend. Eingestreute Gedichte lassen eine Melancholie erahnen, die auf die Traumata verweist, die sich angesammelt haben.
Die Charakterisierung der Protagonisten ist höchst unterschiedlich, die Mutter entfernt sich aus der Familie, ohne ihren Platz zu räumen, ist anwesend und doch nicht präsent, der Vater wird einerseits als der geborene Kümmerer beschrieben, andererseits wie ein entfernter Verwandter, der z. B. seinen Kindern ein Baumhaus baut, das aber nur dem Zweck des Wohlmeinens der Dorfgemeinschaft dient. Die Geschwister werden angedeutet, sind aber keine Hauptpersonen für Leni. Freund Lutz ist ihr da näher. Ihre Liebesbeziehungen bleiben verschwommen. Ich konnte jedoch für kaum eine der Romanfiguren besondere Empathie entwickeln, einzige Ausnahme: Lutz.
Offensichtlich kommt im Moment kaum ein Familienroman ohne mindestens eine Person in psychiatrischer Behandlung aus, zufällig las ich gerade Miriam Carbes „Unerwünschte Töchter“ und Jennifer Segebrechts „Muttertage“, auch dort findet sich diese Konstellation. Anousch Mueller setzt das hier fort, Leni benötigt bei der Bewältigung ihres Kindheitstraumas auch am Ende des Buches ärztliche Hilfe. Die Diagnose „Konversionsstörung“ ist offenbar nicht das einzige psychische Problem, das sie umtreibt.
Fazit: Lesenswert. Ein interessanter Familienroman, der vorrangig in der DDR vor und kurz nach der Wende angesiedelt ist, der versucht, verschiedene DDR-Problematiken und -Konflikte zu beleuchten. Schweigen und Verschweigen sind in diesem Roman die Ursache der Traumata, die sich wellenartig ausbreiten von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.