Keine Lücke, in die die Wahrheit gepasst hätte: 4,5⭐️
Thüringen, 1995. Die Ich-Erzählerin Helena „Leni“ Ross wächst zusammen mit ihren Eltern und ihren fünf Geschwistern in einem verlassenen Bahnhof auf. Ihre gesamte Kindheit spürt Leni, dass irgendetwas nicht stimmt. Wieso ist ihre Mutter oft so kühl und abwesend, ihr Vater überfürsorglich?
Leni hat immer das Gefühl, dass jemand fehlt. Als ihr jüngster Bruder zur Welt kommt, bestätigt sich das: „Nur mit dem Stillen wollte es auch beim siebten Baby nicht klappen. Denn es war ja ihr siebtes Baby. Das konnte ich ein paar Tage später in ihrem Mutterpass lesen, den sie nach einem Hausbesuch der Hebamme versehentlich auf dem Tisch hatte liegen lassen. Da stand es.
Schwangerschaften: 7
Geburten: 7
Also doch. Meine Erinnerung trog nicht.“
Wieso redet niemand darüber, was mit der ältesten Schwester passiert ist?
„Manche Fotos überzogen die Wirklichkeit. Auf einem Bild saß Mama auf einer Wiese vor unserem Haus, umringt von ihrer Kinderschar. Baby Paul an ihre Brust gedrückt, als würde sie ihn stillen. Sie blickt lächelnd zu dem kleinen Alex auf, Kiki hat von hinten ihre Ärmchen um Mamas Hals geschlungen, Josi sitzt rechts neben ihr und flicht einen Kranz aus Gänseblümchen, Etgar und ich sitzen vor ihr, die Hände aufs Kinn gestützt, und sind die Einzigen, die ernst in die Kamera schauen. Mama trägt ein helles Kleid, die Haare offen, sie ist in diese Szene platziert wie eine Fruchtbarkeitsgöttin, die ihre Kinder mit Milch und Liebe nährt. Es wirkt, als sei genau das ihr Platz. Was das Bild nicht zeigt, war der Moment des Umschlags, wenn Nähe und Harmonie plötzlich in Abkehr und Unmut kippten. Mama war dann nicht mehr erreichbar für uns und unsere Bedürfnisse. Sie zog sich zurück, niemand wusste, was sie dann tat. Niemand wusste, wo sie sich aufhielt. Sie hatte die Begabung, sich in Luft aufzulösen. Die großen Kinder hatten sich daran gewöhnt. Nur das Jüngste schrie immer nach seiner Mama. Papa war in diesen Momenten zur Stelle. Klaglos. Als hätten sie einen Pakt. Seine Schuld war größer. Er wusste es ja nicht besser.“
Das Geheimnis beeinflusst das Leben aller Geschwister, besonders Leni versucht später als junge Erwachsene verzweifelt, die Wahrheit herauszufinden.
„Die erinnerten Bilder blieben unscharf, all die Jahre lang, sie flimmerten wie bei einer Diaschau, manchmal ruckelte es, ein Bild vor, eins zurück, oft hakte es, zwischendurch war die Leinwand weiß. Das Unglück hatte sich an der Grenze meiner Erinnerungsfähigkeit abgespielt. Ich war vier Jahre alt, als es geschah. Ein Alter, in dem die frühen Erinnerungen durch täglich Neugelerntes überschrieben wurden. Erinnerungen, die man später nur noch aus Erzählungen oder von Fotos kennen würde.“
Ihre Suche nach Antworten führt bis tief in die Vergangenheit, die Ursprünge liegen in den frühen siebziger Jahren, als ihre Eltern in der DDR lebten.
„Die Wende war zunächst ein Austausch des Inventars.
Aber meine Eltern wussten natürlich, dass nun auch die Archive geöffnet wurden. Und dass irgendwo in diesen Akten auch ein dunkler Teil ihrer Lebensgeschichte lag.“
Mir hat der Schreibstil von Anousch Mueller sehr gut gefallen, ihr langsames Herantasten an die Wahrheit.
„Sie rang jahrzehntelang. Bekam Kind um Kind. Es gab keine Lücke, in die die Wahrheit gepasst hätte.“
„Lori“ ist ein psychologisch feinfühliger, intensiver Roman über die Schatten der Vergangenheit und unausgesprochene Geheimnisse, deren Schatten auch die nächste Generation beeinflussen.
Vielen Dank an den C.H. Beck Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚
Leni hat immer das Gefühl, dass jemand fehlt. Als ihr jüngster Bruder zur Welt kommt, bestätigt sich das: „Nur mit dem Stillen wollte es auch beim siebten Baby nicht klappen. Denn es war ja ihr siebtes Baby. Das konnte ich ein paar Tage später in ihrem Mutterpass lesen, den sie nach einem Hausbesuch der Hebamme versehentlich auf dem Tisch hatte liegen lassen. Da stand es.
Schwangerschaften: 7
Geburten: 7
Also doch. Meine Erinnerung trog nicht.“
Wieso redet niemand darüber, was mit der ältesten Schwester passiert ist?
„Manche Fotos überzogen die Wirklichkeit. Auf einem Bild saß Mama auf einer Wiese vor unserem Haus, umringt von ihrer Kinderschar. Baby Paul an ihre Brust gedrückt, als würde sie ihn stillen. Sie blickt lächelnd zu dem kleinen Alex auf, Kiki hat von hinten ihre Ärmchen um Mamas Hals geschlungen, Josi sitzt rechts neben ihr und flicht einen Kranz aus Gänseblümchen, Etgar und ich sitzen vor ihr, die Hände aufs Kinn gestützt, und sind die Einzigen, die ernst in die Kamera schauen. Mama trägt ein helles Kleid, die Haare offen, sie ist in diese Szene platziert wie eine Fruchtbarkeitsgöttin, die ihre Kinder mit Milch und Liebe nährt. Es wirkt, als sei genau das ihr Platz. Was das Bild nicht zeigt, war der Moment des Umschlags, wenn Nähe und Harmonie plötzlich in Abkehr und Unmut kippten. Mama war dann nicht mehr erreichbar für uns und unsere Bedürfnisse. Sie zog sich zurück, niemand wusste, was sie dann tat. Niemand wusste, wo sie sich aufhielt. Sie hatte die Begabung, sich in Luft aufzulösen. Die großen Kinder hatten sich daran gewöhnt. Nur das Jüngste schrie immer nach seiner Mama. Papa war in diesen Momenten zur Stelle. Klaglos. Als hätten sie einen Pakt. Seine Schuld war größer. Er wusste es ja nicht besser.“
Das Geheimnis beeinflusst das Leben aller Geschwister, besonders Leni versucht später als junge Erwachsene verzweifelt, die Wahrheit herauszufinden.
„Die erinnerten Bilder blieben unscharf, all die Jahre lang, sie flimmerten wie bei einer Diaschau, manchmal ruckelte es, ein Bild vor, eins zurück, oft hakte es, zwischendurch war die Leinwand weiß. Das Unglück hatte sich an der Grenze meiner Erinnerungsfähigkeit abgespielt. Ich war vier Jahre alt, als es geschah. Ein Alter, in dem die frühen Erinnerungen durch täglich Neugelerntes überschrieben wurden. Erinnerungen, die man später nur noch aus Erzählungen oder von Fotos kennen würde.“
Ihre Suche nach Antworten führt bis tief in die Vergangenheit, die Ursprünge liegen in den frühen siebziger Jahren, als ihre Eltern in der DDR lebten.
„Die Wende war zunächst ein Austausch des Inventars.
Aber meine Eltern wussten natürlich, dass nun auch die Archive geöffnet wurden. Und dass irgendwo in diesen Akten auch ein dunkler Teil ihrer Lebensgeschichte lag.“
Mir hat der Schreibstil von Anousch Mueller sehr gut gefallen, ihr langsames Herantasten an die Wahrheit.
„Sie rang jahrzehntelang. Bekam Kind um Kind. Es gab keine Lücke, in die die Wahrheit gepasst hätte.“
„Lori“ ist ein psychologisch feinfühliger, intensiver Roman über die Schatten der Vergangenheit und unausgesprochene Geheimnisse, deren Schatten auch die nächste Generation beeinflussen.
Vielen Dank an den C.H. Beck Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚