Konsequent fragmentiert
Etgar hat Depressionen, Alex ist Trinker, Josi Borderlinerin. Kiki nicht von dieser Welt, Paul kompensiert alles mit sportlichen Höchstleistungen, Erzählerin Leni hat Dissoziationen - und Lori ist tot. Die fragmentierte Geschichte einer Familie zwischen Kriegsende und Nachwendezeit, die Anousch Müller mit einer einnehmenden Sprachgewalt vor den Lesern ausbreitet, wird gleichermaßen gezwungen wie künstlich und hilflos erzählt. Ein Kind, das über seine Kindheit reflektiert, eine Erwachsene, die versucht, sich an eine Kindheit zu erinnern, in der etwas bzw. jemand immer fehlte: die tote Schwester, die abwesende Mutter... "Lori" ist eine fiktionale Biographie, wie man sie heute schreiben müsste, konsequent fragmentarisch, keine fortlaufende Erzählung, keine ebenso konsequente wie konsequent falsche Kausalität: Geschichte und Fiktion laufen Hand in Hand. Anousch Müller macht es ihren Leser:innen schwer, in eine Geschichte einzutauchen, die sich nie ganz erschließen will. Wer sich aber darauf einlässt, wird mit einem fesselnden Leseerlebnis belohnt.