Sehr berührend

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
bettyliteratur Avatar

Von

Lori – Anousch Mueller
Helene, genannt Leni, erzählt ihre Geschichte. Sie wächst als eines von sechs Kindern in einem thüringisches Dorf auf, sie bewohnen ein altes Bahnhofsgebäude, „(…) jeder im Dorf wusste: Wer auf den Bahnhof zog, hatte etwas auf dem Kerbholz.“
Dieses verwunschene Gelände ist Abenteuerspielplatz und Anziehungspunkt für Kinder und Jugendliche aus dem Dorf.
Die Mutter ist emotional sehr zurückhaltend, sie versorgt ihre Kinder, zieht sich dann aber oft zurück. Der Vater ist Anker für die Kinder.
Die Eltern sprechen nicht über ihre Vergangenheit, da scheint es einige Geheimnisse zu geben.
Als Leni auszieht, macht sie sich mit einem Freund auf die Suche nach der Geschichte ihrer Eltern.
Sie selber leidet an einer Konversionsstörung, hat Dissoziationen, zuweilen flammen Erinnerungen aus der Kindheit auf.
Das konspirative Schweigen der Eltern hat sich auch in den Geschwistern festgesetzt, sie haben alle Probleme, mit dem Leben klarzukommen.
Leni möchte das Schweigen auflösen und beginnt die Puzzleteile zusammenzufügen.
Anousch Mueller liefert in ihrem Roman viele Perspektiven und Erzählstränge: den Einblick in den sozialistischen Alltag der DDR, die politische Führung, die Euphorie der Aufbauzeit, aber auch der politischen Unterdrückung, die Macht der Stasi, die Wende, die nicht funktionierende Wiedervereinigung. Die menschlichen Schicksale sind geprägt durch diese Zeit: Angst, Unterdrückung, Geheimnisse, Verrat, das Unausgesprochene und die damit verbundene Schuld.
Die wechselnden Erzählperspektiven schaffen einen intensiven Blick sowohl auf Leni als auch auf die Geschichte ihrer Eltern. Ein zerrissene Familie, die am Ende die Sprachlosigkeit überwindet.
Ein sehr berührendes Buch.
Beck 2026