Was niemand sagt

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Manche Bücher brauchen 500 Seiten, um einem ans Herz zu wachsen und dort für lange Zeit zu bleiben, Anousch Mueller schafft das mit knapp 200 und genau das macht „Lori” so eindringlich.
Die Geschichte spielt auf einem verlassenen Bahnhof in Thüringen. Leni wächst dort mit fünf Geschwistern auf, in einer Familie, die sich anfühlt wie ein Haus mit zugezogenen Vorhängen: Man spürt, dass drinnen etwas nicht stimmt, kommt aber nicht rein. Die Mutter ist auf eine kühle Art abwesend, der Vater trägt eine Sorge mit sich herum, die nie einen Namen bekommt. Narben an den Händen der Eltern, ein Gedächtnis, das aussetzt, wo es nicht sollte und Leni ahnt früh, dass ihre Familie ein Geheimnis mit sich herumträgt. Als sie als junge Frau den Mutterpass ihrer Mutter findet, beginnt sie zu graben. Im Zentrum dieser Suche steht ihre Schwester Lori, von der niemand spricht, und die Frage, was mit ihr geschah. Die Antwort führt zurück in die frühen Siebziger der DDR.
Was mich an dem Roman gepackt hat, ist nicht die Enthüllung selbst. Dass ein Familiengeheimnis am Ende ans Licht kommt, ist man aus deutscher Gegenwartsliteratur ja fast schon gewohnt, das ist streckenweise regelrecht Genre-Standard. Was Mueller besser macht als viele andere ist die Sprache. Kein Wort zu viel, keine erklärende Attitüde, die einem die Gefühle vorkaut. Stattdessen Andeutungen, Zeitsprünge, eine Erzählerin, der ständig kleine Unfälle passieren, Flashbacks, die sie aus dem Alltag reißen, man spürt das transgenerationale Trauma körperlich mit, bevor man es überhaupt benennen kann.
Kein autofiktionaler Roman, auch wenn das Cover mit einem verschwommenen Kindheitsfoto der Autorin spielt, jedoch die Orte sind real, das merkt man dem Text an. Wer stille, präzise Familienromane mag, bei denen das Unausgesprochene lauter ist als jeder Dialog, ist hier goldrichtig.