Wenn Schweigen Generationen prägt

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Im Mittelpunkt steht eine Familie, die mit dem schlimmsten Verlust leben muss, den Eltern erleben können.
Dabei erzählt Anousch Mueller nicht nur von einem einzelnen Schicksal, sondern davon, wie sich ein verdrängtes Trauma auf alle Familienmitglieder auswirkt, was Anousch Mueller unheimlich gut gelingt. Der Roman zeigt auf sehr glaubwürdige Weise, wie Schweigen und unverarbeitete Erlebnisse über Jahrzehnte hinweg das Leben und die Beziehungen innerhalb einer Familie prägen können.

Die Figuren wirken vielschichtig und authentisch. Die Mutter, die ständig ein neues Baby braucht, um ihre Liebe weitergeben zu können, der Vater, der verzweifelt versucht, den Schein einer heilen Familie aufrechtzuerhalten, und die sechs Kinder gehen sehr unterschiedlich mit dem Geschehen um. Gerade bei den Kindern, die teilweise keine Ahnung von dem großen Familiengeheimnis haben, werden die Auswirkungen des Schweigens sichtbar.

Auch der historische Hintergrund des Buches hat mir gefallen. Die Handlung spielt teilweise in Ostdeutschland zur Zeit der Wende und greift die gesellschaftlichen Veränderungen und Unsicherheiten dieser Zeit auf. Für meinen Geschmack hätte dieser Ost/West-Exkurs stellenweise etwas kürzer ausfallen dürfen, da er den Lesefluss gelegentlich unterbricht.

Der Schreibstil ist einfühlsam und atmosphärisch. Allerdings springt die Erzählung häufig zwischen verschiedenen Zeitebenen. Erinnerungen werden immer wieder ohne klare Kennzeichnung eingeflochten. Das macht das Buch zwar anspruchsvoller und manchmal etwas schwer zu lesen, gleichzeitig wirkt diese Erzählweise aber sehr authentisch, weil Erinnerungen und Traumata im echten Leben oft genauso unvermittelt auftauchen.

„Lori“ ist ein bewegender Roman über Verlust, Schuld, familiäre Dynamiken und die Macht des Schweigens. Wer sich für psychologisch tiefgehende Familiengeschichten interessiert und auch vor schweren Themen nicht zurückschreckt, sollte diesem Buch eine Chance geben. Mich hat vor allem beeindruckt, wie sensibel und realistisch Anousch Mueller die langfristigen Folgen eines Traumas beschreibt. Trotz kleiner Schwächen im Erzählfluss ist „Lori“ für mich ein absolut lesenswertes Buch.