Ein Mann wie Oscar, oder: Das liebe Geld ...

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Inhalt
Hannah ist Mitte dreißig, berufstätig, aber notorisch pleite und pflegt ein schwieriges Verhältnis zu Mutter und Bruder. Durch ihre beste Freundin Kira lernt sie den stillen, vermögenden Oscar kennen. Obwohl sie ihn nicht wirklich mag, geht sie eine Beziehung mit ihm ein: Einmal in einer warmen Wohnung ohne Sorgen sitzen, das möchte sie. Beide ziehen aufs Dorf und Hannah merkt, dass Oscars Mutter sie loswerden will. Die heile Welt bröckelt immer mehr, bis Hannahs Realität sie schonungslos einholt. Aber wie fängt man noch einmal von vorn an?


Meinung
Jo Cheetham hat einen Roman geschrieben, den ich über weite Strecken kaum aus der Hand legen konnte. Sie schreibt auf eine Art, die den geneigten Leser förmlich packt und nicht mehr loslässt. Dabei bin ich kein Fan von Hannah. Sicherlich, sie rutscht in Vorkommnisse, die es nicht immer gut mit ihr meinen. Aber an vielen trägt sie selbst Schuld. Am meisten ist ihr anzukreiden, dass sie nicht einmal versucht, etwas aus sich und ihrem Leben zu machen. Sicher, sie wurde mit sechzehn aus dem Elternhaus geworfen und musste allein klarkommen. Aber in knapp zwanzig Jahren hätte es keine Möglichkeit gegeben, eine Ausbildung zu beginnen und dann in einem guten, ehrlichen Beruf – ja, auch ohne höhere Schulbildung – zu arbeiten? Das ist auch das, was ich am Ende, quasi der Quintessenz, der Lösung für alle Probleme nicht mag. Sie hat sich ihr ganzes Leben lang auf andere verlassen, meist Männer oder ihre Freundin. Und dann erbt sie. Aber was genau hat sie selbst getan, um sich aus dem Sumpf hervorzuziehen? Richtig, sie hat sich einen Mann gesucht. Etwas, das sie angeblich von jeher in Filmen und Büchern abstoßend fand. Aber wenn er ihr nun einmal ein Leben bieten kann, wie sie es nie hatte, aber haben möchte … dann nimmt man viel in Kauf. Dieses Dilemma „Geld“ wurde auch in „3000 Yen fürs Glück“ von Hika Harada thematisiert. Geld. Immer ist es das Geld. So viele unserer Lebensentscheidungen werden davon geprägt und ich finde es sehr gut, dass dieses Thema endlich mehr literarisch aufs Tapet gebracht wird. Nur da, wo bei Harada schließlich starke, gestandene Frauen handeln und Entscheidungen treffen, sich quasi ihrem Leben und ihren Entscheidungen stellen, da gibt Hannah lieber allen anderen oder den Umständen die Schuld. Aber sie ist es, die sich auf die falschen Männer einlässt. Sie beginnt keine Lehre oder Umschulung, die ihrer Bildung entspricht. Vermutlich weil da Jobs bei herumkämen, für die sie sich zu gut hält. Hände schmutzig machen, das ist nicht mehr gefragt. Sie hat einen Job, weiß aber mit Geld nicht umzugehen, gibt wissend zu viel für eine Creme aus, legt nichts zur Seite. Sie bildet sich aber auch nicht selbst weiter – etwas, das heutzutage durch das Internet so einfach wie nie zuvor und vor allem kostengünstig ist. Sie wird anfangs als eine Frau (Mitte dreißig!) gezeigt, die irgendwie in den Tag hineinlebt und sich wie jemand aufführt, der zehn, vielleicht sogar fünfzehn Jahre jünger ist. Es war faszinierend dabei zuzusehen.
Nichtsdestotrotz fällt sie die Entscheidung, sich weiter mit Oscar zu treffen und eine Beziehung mit ihm einzugehen. Es ist das Geld, das sie hält, denn er trifft ihr sonstiges Beuteschema nicht einmal annähernd – aber ihren Hang, immer den leichten Weg zu wählen. Doch auch er stammt aus einer Generation, die nicht gelernt hat, wie Leben funktioniert. Und so mutiert Hannah zur Haushaltshilfe, Krankenschwester, Köchin, Lebensberaterin – und verliert sich dabei fast selbst. Sie tut den ganzen Tag im Prinzip nichts. Wird eben auch nicht selbst aktiv, geht auf die Leute im Dorf zu oder kümmert sich – nun, da sie Zeit und Geld hätte – um sich und ihre Zukunft: eine Ausbildung in etwa. Er arbeitet, tut aber nichts im Haushalt und scheint ohne sie kaum lebensfähig. Seine Mutter findet sie, Arbeiterklasse, nicht angemessen und es ist offenkundig, dass sie sie loswerden will. Spätestens als Hannah das merkt, hätte sie handeln müssen und sollen. Aber wieder tut sie nichts. Schließlich muss sie die Pflege ihrer Mutter übernehmen und erhält keine Hilfe – weder von Oscar noch ihrem Bruder. Die Zerrissenheit von Frauen ist Cheetham sehr gut gelungen darzustellen. Es wird quasi erwartet, dass sie und nur sie all diese Care-Arbeit übernehmen und sich nicht beschweren. Gleichzeitig fassen sich die Herren der Schöpfung aber nicht selbst an die Nase – auch wenn sie es müssten.
Bis hierhin mochte ich die Story trotz aller Kritik sehr gern. Die Autorin trifft in jeder Situation den richtigen Ton; heitere Momente lesen sich beschwingt, die düsteren wirken angemessen traurig oder auch mal skurril.
Das Ende jedoch gefiel mir nicht. Hier fügt sich alles zu perfekt zusammen. Hannah hat wieder nur Glück (im Unglück, klar) und stellt sich nicht selbst ihren Problemen. Sie baut ihr weiteres Leben wieder auf andere auf, statt selbst an sich und ihrer Situation zu arbeiten. Alles mit einem augenzwinkernden „die Zukunft wird’s zeigen, was immer kommt“. Das soll Richtungsweisend sein? Das soll überhaupt eine Aussage sein? Was machen denn all jene Frauen, die sich bis dato in Hannah wiedergefunden haben und die eben nicht auf ihre Vorgängergeneration aufbauen können?
Ich habe das Buch nichts als „Bridget Jones für eine neue Generation“ und auch nicht als romantische Komödie gelesen, wie es vermarktet wird. Das ist eine literarische Aufarbeitung mit Tiefe. Und eine, die ich gern gelesen habe. Jo Cheetham hat eine Art, ihre Geschichte zu erzählen, die gefangen nimmt und Seite für Seite vorbeifliegen lässt. Dabei muss man ihre Figuren nicht mögen, aber sie alle wirken so echt wie der Nachbar nebenan. Wirklich gut gemacht. Und gern weiterempfohlen.
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