Happy End - oder was zählt wirklich? 3,5⭐️

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
downey_jr Avatar

Von

Hannah und Kiera sind 30, berufstätig und halten sich für emanzipiert. Doch trotz der harten Arbeit sind sie permanent pleite und geraten immer wieder an die falschen Männer.
Durch ein Missverständnis findet Hannah sich bei einem Date mit Kieras Kollegen Oscar wieder.
Es funkt zwar nicht wirklich bei ihr, und eigentlich hasst sie die Vorstellung, dass eine Frau durch einen reichen Mann „gerettet wird“:

„Ich bin jedes Mal enttäuscht, wenn das Happy End einer Frau von einem Mann abhängt.
Die meisten Filme schaue ich mir maximal bis zur Hälfte an, nämlich bis zu dem Punkt, an dem das Leben der Hauptfigur komplett im Eimer ist. So erspare ich mir die saubere Auflösung, bei der ein Mann angerauscht kommt und alles in Ordnung bringt. Geschichten, in denen Erfüllung in einer so hübschen, makellosen Verpackung daherkommt, habe ich noch nie getraut: der Mann, das Haus, die Familie. Als wäre das von Anfang an das unausweichliche Ziel gewesen.
[...]
Und trotzdem habe ich mich vor nicht allzu langer Zeit, als mein eigenes Leben in die Brüche ging, selbst danach gesehnt, von jemandem gerettet zu werden.“

Andererseits kann sie ihre Miete kaum mehr zahlen und ihr Job ist in Gefahr. So landet sie doch in einer Beziehung mit Oscar und folgt ihm recht schnell nach Schottland, wo er einen tollen neuen Job hat. Hannah dagegen sitzt alleine im Cottage in der Nähe von Edinburgh und ist völlig von ihm abhängig:
„Er war so zuverlässig und solide, und ich ließ mich, nur ein klein wenig, auf die Vorstellung ein, dass mich jemand stützen und aufrecht halten konnte.
Mir kam nicht in den Sinn, dass man, wenn man sich von jemand anderem stützen ließ, allzu leicht vergessen konnte, dass man eigentlich auf seinen eigenen Beinen stehen sollte.“

Die Fassade der Beziehung bröckelt bald, und als Hannahs Mutter todkrank wird und sie zurück nach Sheffield muss, um sie zu Pflegen, ist die Krise vorprogrammiert.

„Love and Rent“ ist ein Debütroman, der mich gut unterhalten hat und „Spuren von Tiefgang“ enthält. Jo Cheethams schreibt lebendig, modern und humorvoll. Hinter den vielen Momenten zum Schmunzeln verbirgt sich jedoch eine kluge gesellschaftskritische Note. Das Buch wirft die existenzielle Frage auf, ob wirtschaftliche Absicherung als Rechtfertigung für eine Beziehung ohne Liebe ausreicht.

„Auf dem Bett liegend, dachte ich noch einmal über Schottland nach. Wie schnell ich mein eigenes Leben über Bord geworfen hatte. Wie bereitwillig ich mich an Oscars Routinen angepasst hatte – an seine Ernährung, sein Rennrad, seine Launen, seine Mutter. Ich hatte mir eingeredet, eine freiere, abenteuerlustigere Version meiner selbst zu werden, obwohl ich eigentlich Köchin, Putzfrau, Sekretärin, Therapeutin und Gedankenleserin geworden war. Unsere Beziehung war ein versehentliches Praktikum, um das ich mich nie beworben hatte. Wie in Der Teufel trägt Prada, nur ohne Prada. Und mit deutlich mehr Lycra.“

Dennoch konnten meine Erwartungen nicht ganz erfüllt werden. Das Ende fand ich zwar von der Aussage her gelungen, insgesamt haben mich aber ein paar Dinge gestört: Gerade die männlichen Charaktere sind sehr stereotyp und klischeehaft gezeichnet; die Story ist weitgehend eher vorhersehbar.
Ein Punkt, der mir bei diesem wie auch bei vielen anderen aktuellen Romanen negativ aufstößt, ist der ständige und übermäßige Alkoholkonsum der Hauptfiguren.

Final vergebe ich 3,5 von 5 Sternen für diesen unterhaltsamen Gegenwartsroman..

Vielen Dank an den Klett-Cotta Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚