Unglaublich lesenswert, aber falsch vermarktet

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Rezension zu "Love and Rent" von Joe Cheatham

Inhalt (spoilerfrei): Die Protagonistin Hannah ist Mitte dreißig und versucht irgendwie, sich ein Leben aufzubauen, das ihr Sicherheit gibt. Trotz ihrer kleinen Einzimmerwohnung kann sie die Miete kaum zahlen und ihr Job im Museum hängt am seidenen Faden. Als sie den eher langweiligen, aber sehr strukturierten Oskar kennenlernt, scheint die gewünschte Sicherheit für Hannah plötzlich greifbar zu sein. Doch je mehr Stabilität sie gewinnt, desto mehr muss sie sich fragen, was sie dafür eigentlich aufgibt.

Erzählperspektive: Joe Cheatham erzählt Hannahs Geschichte mit einer großen emotionalen Nähe. Ich mochte den Schreibstil unglaublich gern. Er liest sich schnell und flüssig, hat immer mal wieder humorvolle Momente und trotzdem steckt zwischen den Zeilen so viel Nachdenklichkeit und Gefühl, einige Szenen haben mich wirklich zu Tränen gerührt, was ich nicht erwartet habe, weil der Klappentext zunächst so flott und leicht anmutete. Andere Szenarien haben mich vor Wut brodeln lassen. Und nie verliert die Erzählung seine Ernsthaftigkeit.

Figuren: Hannah war für mich eine unglaublich authentische Protagonistin. Sie hinterfragt sich ständig selbst, reflektiert ihre Entscheidungen und setzt sich immer wieder mit den Rollenbildern auseinander, mit denen Frauen aufwachsen. Gerade deshalb fiel es ihr so schwer, sich auf eine Beziehung einzulassen, in der finanzielle Sicherheit plötzlich eine so große Rolle spielt. Sie möchte eigentlich nicht die Frau sein, die sich von einem Mann "retten" oder versorgen lässt, und trotzdem bringt sie ihre Lebenssituation genau in diesen Konflikt. Ich fand das wahnsinnig ehrlich geschrieben. Man begleitet ihre Gedanken, Zweifel und inneren Konflikte so unmittelbar, dass ihre Entscheidungen jederzeit nachvollziehbar bleiben, selbst wenn sie auf dem Papier vielleicht unvernünftig oder gar falsch erscheinen. Ebenso eindrucksvoll sind die Nebenfiguren gezeichnet. Im Mittelpunkt steht vor allem die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter,Sie hat ständig Erwartungen an ihre Tochter, sie akzeptiert sie selten einfach so, wie sie ist, dabei wünscht sich Hannah die mütterliche Anerkennung so sehr. Die Dynamik zwischen den beiden ist schmerzhaft, komplex und erschreckend realistisch. Gleichzeitig zeigt der Roman aber auch, wie viel Halt echte Freundschaften geben können.

Themen: Was mich am meisten überrascht hat, ist, dass dieses Buch für mich einfach keine romantische Komödie war. Aber genau so wird es vermarktet. Überall liest man Vergleiche mit "Bridget Jones" oder Begriffe wie "RomCom". Ehrlich gesagt finde ich das dem Buch gegenüber fast ein bisschen unfair. Ja, es gibt humorvolle Momente und Dialoge, bei denen ich schmunzeln musste. Aber der Humor steht für mich überhaupt nicht im Mittelpunkt. Vielmehr erzählt Joe Cheatham von den Sorgen einer weiblichen Generation, für die finanzielle Sicherheit längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist (und da nenne ich vor allem Single Frauen zuerst, denn die Gender Pay Gap ist immer noch allgegenwärtig!) Es geht um steigende Lebenshaltungskosten, unsichere Arbeitsverhältnisse und die Frage, wie frei Entscheidungen überhaupt noch sind, wenn existenzielle Ängste ständig mitschwingen. Gleichzeitig setzt sich der Roman intensiv mit gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen auseinander. Hannah hinterfragt immer wieder das traditionelle Bild vom Mann als Retter und Versorger und empfindet selbst Scham darüber, sich aus finanziellen Gründen auf diese Rolle einzulassen. Gerade dieser innere Konflikt wirkt unglaublich ehrlich und modern. Vor allem mochte ich in dem Buch aber auch, dass hinterfragt wird, was wir eigentlich suchen, wenn wir versuchen, glücklich zu sein. Ob Liebe oder erstmal Sicherheit? Ein Zuhause? Das Gefühl, endlich irgendwo anzukommen? Was hat Prio und was nimmt man hin, um sein größtes und vermeintliches Bedürfnis zu befriedigen? Und ist es unmoralisch, eine Beziehung einzugehen, weniger aus Liebe, sondern aus pragmatischen Gründen und weil man dadurch Sicherheit und Stabilität bekommt? Oder ist es vielleicht einfach nur verständlich als Frau, Mitte 30 in einer Großstadt mit steigenden Mietpreisen, instabilen Arbeitsplätzen, ohne finanziellen Rückhalt seitens der Familie und Co.? Auch dass sich der Roman mit gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen Anfang oder Mitte dreißig beschäftigt, mochte ich sehr. Er macht den Druck auf Frauen sichtbar, ab 30 Jahren sesshaft zu werden und zu heiraten, natürlich mit Haus und Kindern. Alternativen sind unerwünscht und nicht normal. Ich finde es so stark, wie Cheatham dieses Thema behandelt.


Fazit: Ich glaube, meine einzige Kritik richtet sich an die Vermarktung des Buches. Wer eine lockere RomCom à la "Bridget Jones" erwartet, könnte meines Erachtens enttäuscht werden. Wer sich aber auf einen ruhigen, klugen und sehr lebensnahen Roman einlässt, bekommt eine Geschichte über finanzielle Existenzängste, Selbstwert, Familie, Freundschaft und die gesellschaftlichen Erwartungen, mit denen gerade viele Frauen Ende zwanzig oder Mitte dreißig konfrontiert sind. "Love and Rent" hat mich vor allem deshalb überzeugt, weil es so viel mehr ist, als Cover und Klappentext vermuten lassen. Hannah ist keine perfekte Heldin, sondern eine sehr authentisch geschriebene Frau Mitte 30 (wie ich), die versucht, die beste Entscheidung für sich zu treffen, obwohl das Leben ihr ständig neue Unsicherheiten und Herausforderungen vor die Füße wirft. Gerade wer selbst Ende zwanzig oder Mitte dreißig ist, wird viele der beschriebenen Gedanken und Ängste wiedererkennen. Aber vor allem der Fokus auf die Beziehung zwischen Hannah und ihrer Mutter fand ich unglaublich berührend. Was Hannah mit ihr durchmachen muss fand ich so feinfühlig beschrieben, ich habe richtig mitgelitten! Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass das Buch ehrlicher vermarktet worden wäre, denn ich glaube, es würde genau die Menschen erreichen, die seine Themen wirklich zu schätzen wissen. Für mich war es eine bewegende und sehr authentische Geschichte, die mich mehrfach emotional berührt hat und noch lange nachwirken wird.Es hat sich wirklich wie eine kleine emotionale Reise angefühlt, in der wir mit Hannah auf der Suche nach Sicherheit, Zugehörigkeit und dem eigenen Platz im Leben zusammen wachsen dürfen.