Das etwas andere Paarbuch

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Carsten Müller legt mit Love, Peace & Wir ein Beziehungs- und Sexualratgeberbuch vor, das seinen Anspruch, das "andere Paarbuch" zu sein, zumindest strukturell einlöst. Das Buch verzichtet auf den dozierenden Gestus vieler Ratgeber und wählt stattdessen ein narratives Grundprinzip: Jedes Kapitel beginnt mit einer literarisch ausgearbeiteten Alltagsszene, die in ein Beratungsgespräch mündet, aus dem wiederum Wissensvermittlung und praktische Impulse hervorgehen. Dieser Dreiklang aus Erzählung, Reflexion und Handlungsangebot verleiht dem Buch eine gewisse Zugänglichkeit, die die erklärte Zielgruppe, nämlich Paare im Alltag, unmittelbar abholt.
Der Schreibstil ist bewusst niedrigschwellig gehalten. Müller schreibt flüssig, direkt und mit gelegentlichen umgangssprachlichen Einschlägen, die zum Ruhrpott-Selbstbild des Autors passen und authentisch wirken, ohne aufdringlich folkloristisch zu sein. Die Einleitung, in der Müller seinen eigenen Werdegang schildert, funktioniert gut als Vertrauensaufbau. Die Figur der Oma mit der Metzgerei, deren Botschaft "Alleine bisse schneller, zusammen kommste weiter" das Buch programmatisch rahmt, ist sympathisch und glaubwürdig.
Inhaltlich bewegt sich die Leseprobe schwerpunktmäßig in Teil I ("Über uns reden"), der Kommunikation, Konsens und sexuelle Biografie behandelt. Besonders das erste vollständige Kapitel zur Frage, was "richtiger Sex" sei, ist konzeptionell stark: Die Minestrone-Metapher und der Verweis auf John H. Gagnons Konzept des "Sex Script" verbinden alltagsnahe Anschaulichkeit mit einem soliden wissenschaftlichen Fundament. Ähnlich überzeugend gelingt das Kapitel zur sexuellen Biografie, das das Konzept der "Sex-Vita" einführt und am Fallpaar Fabian und Yasmin den Einfluss familiärer Prägungen auf Intimitätsverhalten anschaulich entfaltet.
Was das Buch von vergleichbaren Titeln unterscheidet, ist die konsequente Fallarbeit. Die fiktionalisierten Paare sind differenziert gezeichnet; sie haben erkennbare Widersprüche und Ambivalenzen, die über Schwarz-Weiß-Darstellungen hinausgehen. Dabei fällt auf, dass Müller in den Beratungsdialogen eine sokratische Gesprächsführung praktiziert, die er nicht ausstellt, sondern einfach vollzieht. Das wirkt authentisch und nicht konstruiert belehrend.