Der Staffellauf von Müttern zu Töchtern
Tamara Štajner lässt in ihrem Roman „Luft nach unten“ die Protagonistin Iva an den Ort ihrer Kindheit zurückkehren (Ich stieg die Stufen der Flugzeugtreppe hinunter. Die Luft roch nach Kerosin, Zypressen und Feigenbäumen. Wie damals, nichts hatte sich geändert. Hier war ich, drei Jahrzehnte später, bald siebenunddreißig Jahre alt.“). Zur Beerdigung ihres früheren Kindermädchens Marija reist sie an den Ohridsee. Die beiden standen sich früher sehr nahe, mit Marija hatte Iva mehr Zeit verbracht als mit ihrer eigenen Mutter, zu der sie ein sehr schwieriges Verhältnis hat.
Als Iva auf Marijas Grabstein einen zweiten Namen entdeckt, erfährt sie von einem Familiengeheimnis, das offenbar auch die Vergangenheit ihrer Familie betrifft. Dabei ist ihr Leben so schon kompliziert genug, ihre Ehe mit Felix schwierig: Der gemeinsame Kinderwunsch bleibt trotz zahlreicher Bemühungen unerfüllt. Felix lügt Iva an, er schwänzt heimlich die Termine der Kinderwunschbehandlung. Was er nicht ahnt: Auch Iva führt ein Doppelleben, denn ihr Herz schlägt heimlich für zwei Männer – für ihn und für Gabriel...
„Luft nach unten“ ist keine leichte Kost mit Themen wie Herkunft, schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, Lügen und Geheimnisse sowie unerfüllten Kinderwunsch. Der Roman will viel, vielleicht zu viel, und verlangt den Leser*innen einiges ab.
Die toxische, schwierige Beziehung zwischen Iva und ihrer Mutter war sehr intensiv und emotional dargestellt; oft schmerzhaft zu lesen.
„Ein fetter Vorwurf. Weil du nicht glücklich warst, sollte auch ich es nicht werden, hab ich recht? Du hast mich freiwillig in die Welt gesetzt, damit ich dich erfülle.
[...]
Du bist ein Widerspruch. Eine Dissonanz. Ein Zustand, der nach Auflösung schreit. Doch eine Dissonanz kann sich nicht von allein auflösen, dafür braucht sie andere Töne. Du aber willst in deiner verstimmten Lage Solistin bleiben. Liebe war zu Enttäuschung geworden, Enttäuschung zu Zorn, aus Zorn wurde Selbstverlust. Und den musstest du erst mal verdauen.
Eine jugoslawische Redensart besagt: Wird der Wunsch einer Mutter nicht erhört, so wird ihr Kind von Pünktchen übersät sein. Du bekamst nicht, was du wolltest. Meine Haut bürgt als Zeugin dafür. Aber nicht ich allein habe eine dalmatinische Haut. Auch du, deine Mutter und ihre Mutter, die Urgroßmutter. Jugoslawinnen: Pikčaste babe. Gepunktete Weiber. Unerhörte Weiber. Launische Weiber. Wir nabeln uns durch die Zeit. Ein Stammbaum befleckter Geburten. Der Staffellauf von Müttern zu Töchtern.“
„Da, in dem Moment, durchbohrte ein heftiger Stich meinen Magen. Kurz war mir, als könnte mir diese Frau nichts mehr anhaben. Als wäre der letzte Faden zwischen uns gerissen. Ich spürte, wie sich etwas in mir wandelte. Als hätten diese Worte — ich werde dir schon noch ein paar Schäden geben — nun endgültig eine Veränderung in mir angestoßen. Physisch. Fundamental. Eine Abkehr.
[...]
Ich verstehe dich. Weißt du, schlagartig ist mir alles klar geworden: Du und ich — es muss nicht sein. Ich habe so lange darunter gelitten, dass wir es nicht besser miteinander können. Du bestimmt auch. Aber wir müssen deswegen nicht leiden, weder du noch ich. Ich weiß, dass du mich liebst. Jedenfalls bin ich dir nicht gleichgültig. Und du mir auch nicht. Wir werden es einander bloß nie sagen.“
„Luft nach unten“ ist eine vielschichtige Familiengeschichte über Herkunft und Vergangenheit, Mütter und Töchter, für die ich 4 von 5 Sternen vergebe.
Vielen Dank an den Hanser Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚
Als Iva auf Marijas Grabstein einen zweiten Namen entdeckt, erfährt sie von einem Familiengeheimnis, das offenbar auch die Vergangenheit ihrer Familie betrifft. Dabei ist ihr Leben so schon kompliziert genug, ihre Ehe mit Felix schwierig: Der gemeinsame Kinderwunsch bleibt trotz zahlreicher Bemühungen unerfüllt. Felix lügt Iva an, er schwänzt heimlich die Termine der Kinderwunschbehandlung. Was er nicht ahnt: Auch Iva führt ein Doppelleben, denn ihr Herz schlägt heimlich für zwei Männer – für ihn und für Gabriel...
„Luft nach unten“ ist keine leichte Kost mit Themen wie Herkunft, schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, Lügen und Geheimnisse sowie unerfüllten Kinderwunsch. Der Roman will viel, vielleicht zu viel, und verlangt den Leser*innen einiges ab.
Die toxische, schwierige Beziehung zwischen Iva und ihrer Mutter war sehr intensiv und emotional dargestellt; oft schmerzhaft zu lesen.
„Ein fetter Vorwurf. Weil du nicht glücklich warst, sollte auch ich es nicht werden, hab ich recht? Du hast mich freiwillig in die Welt gesetzt, damit ich dich erfülle.
[...]
Du bist ein Widerspruch. Eine Dissonanz. Ein Zustand, der nach Auflösung schreit. Doch eine Dissonanz kann sich nicht von allein auflösen, dafür braucht sie andere Töne. Du aber willst in deiner verstimmten Lage Solistin bleiben. Liebe war zu Enttäuschung geworden, Enttäuschung zu Zorn, aus Zorn wurde Selbstverlust. Und den musstest du erst mal verdauen.
Eine jugoslawische Redensart besagt: Wird der Wunsch einer Mutter nicht erhört, so wird ihr Kind von Pünktchen übersät sein. Du bekamst nicht, was du wolltest. Meine Haut bürgt als Zeugin dafür. Aber nicht ich allein habe eine dalmatinische Haut. Auch du, deine Mutter und ihre Mutter, die Urgroßmutter. Jugoslawinnen: Pikčaste babe. Gepunktete Weiber. Unerhörte Weiber. Launische Weiber. Wir nabeln uns durch die Zeit. Ein Stammbaum befleckter Geburten. Der Staffellauf von Müttern zu Töchtern.“
„Da, in dem Moment, durchbohrte ein heftiger Stich meinen Magen. Kurz war mir, als könnte mir diese Frau nichts mehr anhaben. Als wäre der letzte Faden zwischen uns gerissen. Ich spürte, wie sich etwas in mir wandelte. Als hätten diese Worte — ich werde dir schon noch ein paar Schäden geben — nun endgültig eine Veränderung in mir angestoßen. Physisch. Fundamental. Eine Abkehr.
[...]
Ich verstehe dich. Weißt du, schlagartig ist mir alles klar geworden: Du und ich — es muss nicht sein. Ich habe so lange darunter gelitten, dass wir es nicht besser miteinander können. Du bestimmt auch. Aber wir müssen deswegen nicht leiden, weder du noch ich. Ich weiß, dass du mich liebst. Jedenfalls bin ich dir nicht gleichgültig. Und du mir auch nicht. Wir werden es einander bloß nie sagen.“
„Luft nach unten“ ist eine vielschichtige Familiengeschichte über Herkunft und Vergangenheit, Mütter und Töchter, für die ich 4 von 5 Sternen vergebe.
Vielen Dank an den Hanser Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚