Herkunft und Identität im modernen Europa

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Iva kommt zurück an den Ort am Ohridsee in Nordmazedonien. Hier ist sie aufgewachsen, das Hotel am See gehörte ihrer Familie. Sie ist gekommen, um ihr Kindermädchen Marija zu beerdigen. Mit Marija hat sie deutlich mehr Zeit verbracht als mit ihrer Mutter, zu der sie ein gespaltenes Verhältnis hatte. Zurück am Ort ihrer Erinnerungen kommt sie Geheimnissen auf die Spur, die die Geschichte neu ordnen. Iva beginnt, Fragen zu stellen und in der Vergangenheit zu forschen.

Tamara Štajner entwirft eine komplexe Familiengeschichte, die von eigenwilligen Frauen dirigiert wird. Kunstvoll verknüpft sie die Erzählstränge, die nebeneinander herlaufen und auf einer tieferen Ebene miteinander verwoben sind.

Vor der rauen Landschaft Nordmazedoniens stapeln sich die Erinnerungen an eine überlebensgroße Mutter, die mit ihrer Lieblosigkeit die Kindheit prägt. Wie oft hat ihre Mutter ihr gesagt, dass das Leben ohne sie besser gewesen wäre! Tief in sich spürt Iva die Enttäuschung, den Zorn, die Verlorenheit der Mutter.

Transgenerationale Traumata haben sich manifestiert, drohen Ivas Zukunft zu zerstören. Denn Iva will und will nicht schwanger werden, häuft Gefühle an, die nicht nach außen brechen dürfen, die im Inneren schwelen wie die Lava eines Vulkans.

Mit ihrer Musik legt sie sich eine Rüstung zu, sucht Kompensation in einer Affäre als Abbild einer bedingungslosen Liebe, fern des Alltagsstaubs. Die ausschweifenden Sexszenen hätte der Text nicht gebraucht, um die Kulturen, Orte und Lebensentwürfe zu kontrastieren.

Sprachlich zieht Tamara Štajner aber einfach alle Register. Es wird geflucht und geliebt, gelitten und erinnert. Kaskadisch türmen sich die Gefühle auf, um wie ein Wasserfall aus den Seiten zu rauschen.

Das fatale Schicksal Nordmazedoniens, in dem eine ganze Generation junger Menschen von den Großeltern großgezogen wird, weil die Mütter in Europa das Geld verdienen, findet den Gegenpart im pulsierenden, zukunftsgewandten Wien, derbe, geradlinig, verdorben, voller Möglichkeiten.

Die Sprache bleibt ganz nah an den Figuren, erkundet die Gefühle, vermischt Reflexion, Gesellschaftspanorama und persönliches Schicksal.

Luft nach unten ist ein Manifest für die Liebe, die keine Zeugen braucht, kein Urteil fällt und sich jenseits der eigenen Erwartungen entfaltet. Es ist die Aussicht auf ein Leben, das aus dem Vollen schöpft und sich den Stereotypen von Herkunft und Prägung widersetzt.