…Raum für Tiefgang
Wenn die slowenische Wienerin Tamara Štajner die Seelensituationen der Protagonistin Iva beschreibt, klingt die Vermutung autobiographischer Züge mit. Die Reise in die Vergangenheit beginnt unspektakulär mit einer Beerdigung und bekommt sofort Tempo, als Iva verlangt, die Tote noch einmal sehen zu können. Hier zeigt der Roman, was in ihm möglich ist: wenn der Sarg wirklich geöffnet wird, wird alles möglich sein.
Eine junge Frau ist im Zorn ihrer Kindheit gefangen und muss merken, dass dieser ihre Gegenwart bestimmt. Sie ist zerrissen zwischen dem unerfüllten Kinderwunsch und dem Glauben, vielleicht gar keine Kinder haben zu wollen. Sie pendelt zwischen der festen Beziehung zu Felix und der Affäre mit Gabriel. Sie liebt den Anker ihrer Geige und die Flügel ihrer neuen Songs. Alles entsteht vor der Folie ihrer Mutter, deren Liebe sie nicht spürt, und einer alten Bekannten, die ihr die angeblichen Wahrheiten scheibchenweise und unglaubwürdig präsentiert. Und dazwischen erwächst eine hoffnungsvolle Karmela, ein Kind, an dem sich Wahrheit wirklich messen lässt.
Die Grenzgänge erreichen uns in der Wucht einer extrem vielfältigen Sprache. Zuweilen prüft man als Leser die Sätze, ob sie noch regelkonform sind; dann erstrahlt ein wienerischer Slang fast unmerklich mit Vokabeln wie „Saaldame“ und „Stiegenhaus“. Alles wird dazu noch gespickt von SMS-Dialogen, in der Rohheit von hilflosen Schreien des Unverstandenseins.
Die Wirkung ist frappierend: als Leser sieht man Erzählstränge voraus und wird mitgerissen in philosophische Betrachtungen zu Liebe, Freiheit, Krieg und Gefangensein. Es ist ein Buch der Superlative und reizt zu Extremem. Es sei jedem empfohlen, der in einer unaufgearbeiteten Mutter-Tochter-Beziehung steckt oder als Partner davon betroffen ist. Beim Lesen entsteht die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren und Raum für eigenen Tiefgang zu bekommen. LUFT NACH UNTEN.