Über Mütter und Töchter, über Herkunft und Entfremdung
Iva ist Mitte 30 und Musikerin, mit ihrem Mann Felix lebt sie in Wien. Das Paar versucht bisher vergeblich ein Kind zu bekommen und hat deshalb eine Kinderwunschbehandlung begonnen. Mutterschaft und Familie sind jedoch Themen, die Iva nicht nur in der Gegenwart im Rahmen des Kinderwunschs beschäftigen. Zum einen hat sie selbst ein sehr angespanntes Verhältnis zu ihrer Mutter, dass sich im Roman erst Stück für Stück in Episoden erklärt. Die Person, die ihr in ihrer Kindheit am vertrautesten war, ist Marija, eine Angestellte im Hotel ihres Großvaters am Ohridsee. Marija nahm die Rolle einer Mutter ein, wie sie sie Iva in ihrer Familie nicht kannte. Mit Marijas Tod zu Beginn des Romans, Ivas Reise an den Ort ihrer Kindheit und einem geheimnisvollen zweiten Namen auf Marijas Grabstein entspinnt Tamara Stajner eine moderne Erzählung über Mütter und Töchter, tiefe Familiengeheimnisse und Herkunft.
Über Ivas Familiengeschichte thematisiert der Roman auch immer wieder die gesellschaftlichen Entwicklungen im Postsozialismus, Krieg und Zusammenbruch Jugoslawiens. Das sozialistische Urlaubsparadies ihrer Kindheit ist nunmehr eine Region der Abwanderung, in der jede und jeder, der kann sein Glück im Westen sucht. Zurück bleiben die Alten, die sich allzuoft um ihre Enkel, die Kofferkinder, kümmern, für die ihre Eltern im arbeitsamen Leben im Westen keine Zeit haben.
Beim Besuch ihrer Heimat Slowenien flammt nicht nur Ivas eigene Vergangenheit auf, sondern die eines ganzen Volkes, das von den Deutschen deportiert und später im Jugoslawienkrieg gelitten hat. Mittendrin: Iva, mit all ihren widersprüchlichen Gefühlen aus Heimat und Entfremdung, ihrer Herkunft aber auch ihrer Mutter gegenüber.
Unterbrochen wird die Romanhandlung immer wieder von Notizen Ivas im Selbstgespräch an ihre Mutter. Gerade dass diese Notizen und Briefe nicht zum Versand bestimmt sind, gibt ihnen eine Offenheit, die das Verhältnis Ivas zu ihrer Mutter in all seiner Widersprüchlichkeit und intensiven Gefühlen gelungen einfängt und damit auch seinen Einfluss auf Ivas eigenen Kinderwunsch und ein fehlendes gesundes Vorbild für ihre Mutterrolle offenbart.
Die Charaktere und ihre Handlungen waren für mich leider nicht durchgängig nachvollziehbar, das Ende kam etwas abrupt und fühlte sich nicht ganz rund für mich an. Trotzdem hat mir der Roman sehr gut gefallen. Luft nach unten ist ein feinfühliger Roman, der komplizierte Mutter/Töchter Beziehungen beleuchtet und Einblicke in die komplexe Lebensrealität des Balkans vermittelt.