Zwischen Herkunft und Neuanfang

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annalena12_3 Avatar

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Luft nach unten von Tamara Štajner hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Der Roman verbindet mehrere Themen miteinander, ohne dabei überladen zu wirken. Im Mittelpunkt steht Ivas Reise in ihre Vergangenheit, die Auseinandersetzung mit einem Familiengeheimnis und vor allem die komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter. Gleichzeitig verknüpft Štajner diese Geschichte mit einem unerfüllten Kinderwunsch, einer leidenschaftlichen Affäre und der Frage, wie sehr familiäre Erfahrungen unser eigenes Leben und unsere Entscheidungen beeinflussen.

Besonders gelungen fand ich, wie sich die Handlung nach und nach entfaltet. Statt auf große Überraschungen zu setzen, entwickelt der Roman seine Wirkung durch die Beziehungen zwischen den Figuren und die allmähliche Annäherung an verdrängte Erinnerungen. Mit jeder neuen Erkenntnis versteht man Iva und ihre Zerrissenheit besser. Gerade diese ruhige Entwicklung macht den Roman glaubwürdig und emotional.

Spannend ist auch der Kontrast zwischen Ivas Leben in Wien und ihrer Rückkehr nach Nordmazedonien. Die Reise in ihre alte Heimat löst Erinnerungen aus und konfrontiert sie mit den familiären Mustern, von denen sie sich längst gelöst glaubte. Dabei stellt der Roman immer wieder die Frage, was Familie eigentlich ausmacht und ob man sich jemals vollständig von den Prägungen der eigenen Kindheit befreien kann.

Der Schreibstil ist ruhig, flüssig und einfühlsam. Trotz der ernsten Themen wirkt der Roman nie schwer oder pathetisch, sondern lässt auch leichtere und teilweise humorvolle Momente zu. Gerade diese Balance hat mir gut gefallen.

An einigen Stellen hätte ich mir allerdings etwas mehr Tiefe gewünscht. Die Geschichte rund um den Kinderwunsch und die Affäre nimmt vergleichsweise viel Raum ein, während andere Aspekte – etwa die Rolle des Vaters oder die Auseinandersetzung mit Nordmazedonien als Herkunftsort – etwas im Hintergrund bleiben. Auch wiederholen sich manche emotionale Ausbrüche Ivas für meinen Geschmack etwas zu häufig.

Dennoch überwiegt für mich der positive Eindruck deutlich. Luft nach unten ist ein berührender Familienroman über Herkunft, Verlust, Schuld und die Schwierigkeit, sich von den eigenen familiären Prägungen zu lösen. Er zeigt eindrucksvoll, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind und dass manche Antworten erst dann gefunden werden können, wenn man den Mut hat, sich den eigenen Erinnerungen zu stellen. Ein leiser, fein beobachteter Roman, der noch lange nach dem Lesen nachhallt.