Anspruchsvoll
„Mädchen allein zu zweit“ erzählt von den zwei Freundinnen Issa und Grace, die sich mit Themen auseinandersetzen müssen, mit denen Jugendliche eigentlich nicht allein gelassen werden sollten: Armut, Klassismus, gesundheitliche Ungleichheit und die Frage, wer sich in unserer Gesellschaft eigentlich ein gutes Leben leisten kann. Daneben geht es um die ganz typischen Adoleszenz-Themen: Identität, erste Liebe, Zugehörigkeit. Besonders gut gefallen hat mir die Dynamik zwischen den beiden. Ihre Freundschaft wirkt authentisch, ihre Dialoge sind lebendig und ihre Entscheidungen nachvollziehbar. Gerade weil der Roman die Perspektive zweier Jugendlicher einnimmt, werden gesellschaftliche Ungerechtigkeiten sehr greifbar. Auch sprachlich hat mir der Roman gefallen. Der Schreibstil liest sich flüssig und authentisch und überrascht immer wieder mit originellen literarischen Einfällen. Ein wenig zwiegespalten bin ich allerdings bei der Zielgruppe. Der Roman richtet sich an Jugendliche ab 14 Jahren, setzt stellenweise aber ein hohes Vorwissen voraus. Wenn ganz selbstverständlich auf philosophische Konzepte wie Rawls' „Schleier des Nichtwissens“ angespielt wird, habe ich mich gefragt, ob viele Leser:innen dieses Alters die Anspielungen überhaupt einordnen können und ob sie nicht genervt von den Belehrungen des Lehrers im Roman sein werden. Die Figur des Politiklehrers fand ich nämlich auch weniger gelungen. Über ihn werden immer wieder gesellschaftstheoretische Positionen vermittelt, allerdings auf eine Weise, die auf mich wenig glaubwürdig wirkte. Ein guter Politikunterricht lebt von kontroversen Perspektiven und eigener Urteilsbildung, ein echter Politiklehrer würde Jugendlichen seine persönliche Weltsicht nie so eindeutig vorgeben. Diese Passagen wirkten deshalb eher wie ein Sprachrohr für den Roman als wie authentische Unterrichtssituationen.. Trotz dieser Kritikpunkte hat mir „Mädchen allein zu zweit“ gut gefallen. Es ist ein anspruchsvoller Jugendroman über Freundschaft, soziale Ungleichheit und die Frage, welche Chancen Menschen eigentlich haben, wenn sie nicht mit den gleichen Voraussetzungen ins Leben starten. Ich habe Roman und Hörbuch ergänzend zueinander gelesen und fand auch das Hörbuch sehr angenehm.