Zu träumen ist auch eine Art des Planens

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
annah2602 Avatar

Von

Für alle Kinder, für alle alleinerziehenden Mütter und für alle, die viel zu früh erwachsen werden mussten.

Manchmal sind es nicht die großen Katastrophen, die eine Kindheit prägen, sondern die vielen kleinen Momente, in denen man merkt, dass man anders ist als die anderen. Dass Geld fehlt, Möglichkeiten begrenzt sind und man Dinge verstehen muss, für die man eigentlich noch viel zu jung ist.

Daniela Dröscher erzählt von Freundschaft, Armut, dem Erwachsenwerden und dem Versuch, sich trotz aller Widrigkeiten eine eigene Zukunft auszumalen. Issa und Grace verbindet mehr als ihre Freundschaft: Beide bewegen sich in einer Welt, in der Erwachsene Entscheidungen treffen, gesellschaftliche Erwartungen den Alltag bestimmen und nicht alle Kinder die gleichen Chancen haben. Besonders eindrücklich wird das bei scheinbar alltäglichen Situationen, etwa wenn das Geld für eine Klassenfahrt fehlt. Was für andere selbstverständlich ist, wird für manche Familien zu einer kaum überwindbaren Hürde. Und während über finanzielle Unterstützung beraten wird, müssen die betroffenen Kinder mit den Gefühlen leben, die daraus entstehen: Scham, Ausgrenzung und das Bewusstsein, nicht dazuzugehören. Es hat mich vor allem deshalb berührt, weil es zeigt, wie unterschiedlich Kindheiten sein können und wie früh manche Kinder lernen müssen, mit Dingen umzugehen, die eigentlich nicht ihre Verantwortung sein sollten.

Besonders die scheinbar alltäglichen Situationen sind mir im Gedächtnis geblieben. Wenn beispielsweise das Geld für eine Klassenfahrt fehlt, geht es schließlich um so viel mehr als nur um einen Ausflug. Es geht um Zugehörigkeit, um Teilhabe und um die schmerzhafte Erkenntnis, dass nicht für alle Kinder dieselben Möglichkeiten selbstverständlich sind. Gerade solche Momente haben mich nachdenklich gemacht, weil soziale Ungleichheit oft dort sichtbar wird, wo andere gar nicht erst hinschauen.

Besonders eine der beiden Protagonisten, Grace, ist mir im Kopf geblieben. Grace hat den Wunsch, ihren eigenen Weg zu finden und Kontrolle über Dinge zu gewinnen, die sie belasten. Ihr Verhältnis zu ihrem Körper, nachdenklich gemacht. Ihre Brüste wachsen so stark, dass sie ihr Schmerzen bereiten, und sie wünscht sich eine Operation. Ich zeigt, wie sehr ein junger Mensch mit dem eigenen Körper hadern kann und wie wenig Raum manchmal bleibt, diese Gefühle wirklich zu verstehen. Dabei wird deutlich, wie schwer es sein kann, den eigenen Körper anzunehmen, wenn er sich fremd anfühlt und man gleichzeitig mit Erwartungen von außen konfrontiert wird. Grace wirkt manchmal sonderbar, unbedarft oder schwer zu verstehen. Doch vielleicht liegt gerade darin eine Stärke des Romans: Kinder müssen nicht immer vernünftig, angepasst oder nachvollziehbar sein. Sie dürfen Fragen stellen, Grenzen austesten und ihren ganz eigenen Blick auf die Welt haben.

„Zu träumen ist auch eine Art des Planens.“ Dieser Satz fasst für mich einen wichtigen Gedanken des Romans zusammen. Grace hatte immer einen Plan, und wenn nicht, dann eben einen Plan B. Ich mag diesen Gedanken und sehe ihn als einen der zentralen Punkt des Buches. Denn zu träumen bedeutet hier nicht, die Wirklichkeit auszublenden. Es bedeutet, sich trotz schwieriger Umstände eine Zukunft vorzustellen. Vielleicht ist Träumen sogar eine Form von Selbstbehauptung, wenn die eigenen Möglichkeiten begrenzt scheinen.

Was ich aus dem Buch besonders mitnehme, ist der Gedanke, dass Kinder viel mehr wahrnehmen, als Erwachsene ihnen häufig zutrauen. Sie spüren, wenn Geld fehlt, wenn etwas ungerecht ist oder wenn sie nicht dazugehören. Und manchmal müssen sie viel zu früh lernen, sich anzupassen, Lösungen zu finden und stark zu sein. Genau das hat mich an dieser Geschichte berührt und stellenweise auch echt sehr wütend gemacht. Daniela Dröscher gelingt es, soziale Ungleichheit und die Herausforderungen des Aufwachsens sichtbar zu machen, ohne dabei die Bedeutung von Freundschaft und Hoffnung aus den Augen zu verlieren.

Das Ende hat mir besonders gefallen. Recht am Ende findet sich der Satz: "Nichts ist vorbei. Es fängt gerade erst an." Nicht alles muss gelöst sein, nicht jede Geschichte braucht einen fertigen Abschluss. Denn Erwachsenwerden bedeutet nicht, plötzlich alle Antworten zu kennen. Manchmal bedeutet es einfach, weiterzumachen, neue Pläne zu schmieden und sich die Fähigkeit zu träumen nicht nehmen zu lassen.