Es gilt zu retten, was man liebt
Manchmal liest man ein Buch, das einen nicht nur berührt, sondern einen begleitet.
"Magisch" von Annika Büsing war für mich genauso ein Roman.
Der Klappentext verspricht einen Roman über Rechtsextremismus und die Brandmauer in der eigenen Familie.
Das stimmt. Und gleichzeitig führt er auf eine herrliche Weise in die Irre.
Denn „Magisch“ ist für mich vor allem ein Roman über Liebe. Über die ehrliche, widersprüchliche Liebe zwischen Menschen. Über die Liebe zu einem Bruder, den man kaum noch wiedererkennt. Über Eltern und Kinder. Über Freundschaften. Und über die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn sich Hass zwischen alles schiebt.
Je weiter ich gelesen habe, desto klarer wurde mir:
Annika Büsing interessiert sich nie zuerst für ihre Geschichte. Sie interessiert sich für ihre Menschen.
Natürlich geht es um Rechtsextremismus. Ein Bruder radikalisiert sich, Familien zerbrechen, vor einer Flüchtlingsunterkunft marschiert ein Mob auf.
Nach und nach rückte etwas anderes in den Mittelpunkt.
Die Liebe.
Nicht als romantische Verklärung, sondern als Kraft, die Wut, Schuld und Enttäuschung überdauern kann. Eine Liebe, die bleibt, obwohl Menschen Fehler machen, sich verlieren und einander verletzen.
Marie liebt Magisch. Und sie liebt ihren Bruder Andi auf eine Weise immer noch, obwohl sie hasst, was aus ihm geworden ist. Genau darin zeigt sich Büsings große Stärke.
Ihre Figuren dürfen widersprüchlich sein. Niemand wird zum Helden verklärt oder zum eindimensionalen Monster gemacht.
Andi bleibt verantwortlich für seine Taten. Daran lässt der Roman keinen Zweifel. Aber Büsing nimmt ihm nicht seine Menschlichkeit. Das macht seine Taten nicht kleiner. Aber es macht den Roman größer.
Überhaupt interessieren Büsing nie einfache Antworten. Sie interessiert sich für die kleinen Verschiebungen im Leben. Für Entscheidungen, die man erst Jahre später versteht. Für Beziehungen, die nicht an einem Tag zerbrechen. Für Menschen, die gleichzeitig lieben und hassen können.
Einer der schönsten Gedanken des Romans lautet sinngemäß:
Liebe bedeutet nicht, dass man nie wieder einen anderen Menschen attraktiv findet. Liebe bedeutet, sich immer wieder füreinander zu entscheiden.
Das ist so ehrlich, dass es fast wehtut.
Doch selbst diese Themen wären nur halb so stark, wenn Büsing sie nicht in eine Sprache kleiden würde, die ich so nur selten gelesen habe. Annika Büsing schreibt eine hervorragend beobachtete Alltagssprache. Präzise, bildhaft und frei von Klischees. Ihre Figuren sprechen wie Menschen. Sie unterbrechen sich, machen dumme Witze, schweifen ab, fluchen, werden plötzlich ernst und wechseln mitten im Satz das Thema. Genau deshalb wirken sie so lebendig.
Ich hatte oft das Gefühl, keinem Roman zuzuhören, sondern Menschen.
Und dann sind da diese Sätze.
"Ich bin nicht immer wütend."
"Und ich höre, dass er lächelt."
„Wie kann jemand, den man so glühend hasst, ein so großer Verlust im Leben sein?“
„Draußen beginnt es zu regnen. Warmer, dicktropfiger Regen ist das, und man hört ihn bis nach drinnen rauschen, ein Regen, der Blut vom Asphalt wäscht. “
Oder dieser herrlich schräge Vergleich, Weinbrand schmecke wie die alte Bundesrepublik, wie eine destillierte Folge der „Schwarzwaldklinik“. Genau solche Bilder machen ihre Sprache unverwechselbar.
Ihre Sprache entwickelt Poesie, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Ihre Bilder entstehen aus dem Alltag. Aus Weinbrand, Gelierzucker, Nudeln mit Ketchup, einem Schafskopf oder einer Weihnachtskarte mit irgendeinem Tier in Weihnachtsmütze. Gerade dadurch bekommen sie ihre Kraft.
Doch ihre Sprache lebt nicht nur von solchen Bildern. Sie lebt vor allem von ihrer Erzählstimme. Nicht alle Figuren bekommen sofort einen Namen. Manche bleiben der "Trecker-Boy", manche Orte nur ein Buchstabe.
Später verbessert sich Marie fast im Gespräch mit dem Leser. „Jetzt habe ich den Namen doch verraten“. Diese kleinen Spielereien schaffen eine ungeheure Nähe. Man hat das Gefühl, Marie sitze neben einem auf dem Sofa und erzähle einfach.
Und genau das macht Annika Büsing für mich so besonders. Sie schaut hinter Meinungen, hinter Etiketten und hinter Schubladen. Dort findet sie den Menschen. Sie schaut genau hin und übersetzt ihre Perspektiven für den Leser durchs Herz.
Selbst dort, wo es politisch wird, verliert der Roman nie den Menschen aus dem Blick. Der Mob vor der Flüchtlingsunterkunft ist bedrohlich, lange bevor Gewalt geschieht. Büsing interessiert sich nicht für spektakuläre Szenen. Sie beschreibt eine Atmosphäre, Körperhaltungen, Blicke und das Wissen, dass Gewalt manchmal schon beginnt, wenn Menschen nur dastehen und darauf warten, dass andere Angst bekommen.
„Magisch“ ist für mich ein außergewöhnlicher Roman über Liebe, Familie, Schuld, Hoffnung und Menschlichkeit. Ein Roman, der Fragen wichtiger nimmt als einfache Antworten und daran erinnert, dass Menschen fast nie eindeutig sind.
Oder wie der Roman selbst sagt:
„Es gilt zu retten, was man liebt.“
Der Roman erinnert daran, dass Liebe nicht perfekt sein muss, um wahr zu sein. Genau deshalb hat mich dieser Roman so tief berührt.
5 von 5 ⭐
"Magisch" von Annika Büsing war für mich genauso ein Roman.
Der Klappentext verspricht einen Roman über Rechtsextremismus und die Brandmauer in der eigenen Familie.
Das stimmt. Und gleichzeitig führt er auf eine herrliche Weise in die Irre.
Denn „Magisch“ ist für mich vor allem ein Roman über Liebe. Über die ehrliche, widersprüchliche Liebe zwischen Menschen. Über die Liebe zu einem Bruder, den man kaum noch wiedererkennt. Über Eltern und Kinder. Über Freundschaften. Und über die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn sich Hass zwischen alles schiebt.
Je weiter ich gelesen habe, desto klarer wurde mir:
Annika Büsing interessiert sich nie zuerst für ihre Geschichte. Sie interessiert sich für ihre Menschen.
Natürlich geht es um Rechtsextremismus. Ein Bruder radikalisiert sich, Familien zerbrechen, vor einer Flüchtlingsunterkunft marschiert ein Mob auf.
Nach und nach rückte etwas anderes in den Mittelpunkt.
Die Liebe.
Nicht als romantische Verklärung, sondern als Kraft, die Wut, Schuld und Enttäuschung überdauern kann. Eine Liebe, die bleibt, obwohl Menschen Fehler machen, sich verlieren und einander verletzen.
Marie liebt Magisch. Und sie liebt ihren Bruder Andi auf eine Weise immer noch, obwohl sie hasst, was aus ihm geworden ist. Genau darin zeigt sich Büsings große Stärke.
Ihre Figuren dürfen widersprüchlich sein. Niemand wird zum Helden verklärt oder zum eindimensionalen Monster gemacht.
Andi bleibt verantwortlich für seine Taten. Daran lässt der Roman keinen Zweifel. Aber Büsing nimmt ihm nicht seine Menschlichkeit. Das macht seine Taten nicht kleiner. Aber es macht den Roman größer.
Überhaupt interessieren Büsing nie einfache Antworten. Sie interessiert sich für die kleinen Verschiebungen im Leben. Für Entscheidungen, die man erst Jahre später versteht. Für Beziehungen, die nicht an einem Tag zerbrechen. Für Menschen, die gleichzeitig lieben und hassen können.
Einer der schönsten Gedanken des Romans lautet sinngemäß:
Liebe bedeutet nicht, dass man nie wieder einen anderen Menschen attraktiv findet. Liebe bedeutet, sich immer wieder füreinander zu entscheiden.
Das ist so ehrlich, dass es fast wehtut.
Doch selbst diese Themen wären nur halb so stark, wenn Büsing sie nicht in eine Sprache kleiden würde, die ich so nur selten gelesen habe. Annika Büsing schreibt eine hervorragend beobachtete Alltagssprache. Präzise, bildhaft und frei von Klischees. Ihre Figuren sprechen wie Menschen. Sie unterbrechen sich, machen dumme Witze, schweifen ab, fluchen, werden plötzlich ernst und wechseln mitten im Satz das Thema. Genau deshalb wirken sie so lebendig.
Ich hatte oft das Gefühl, keinem Roman zuzuhören, sondern Menschen.
Und dann sind da diese Sätze.
"Ich bin nicht immer wütend."
"Und ich höre, dass er lächelt."
„Wie kann jemand, den man so glühend hasst, ein so großer Verlust im Leben sein?“
„Draußen beginnt es zu regnen. Warmer, dicktropfiger Regen ist das, und man hört ihn bis nach drinnen rauschen, ein Regen, der Blut vom Asphalt wäscht. “
Oder dieser herrlich schräge Vergleich, Weinbrand schmecke wie die alte Bundesrepublik, wie eine destillierte Folge der „Schwarzwaldklinik“. Genau solche Bilder machen ihre Sprache unverwechselbar.
Ihre Sprache entwickelt Poesie, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Ihre Bilder entstehen aus dem Alltag. Aus Weinbrand, Gelierzucker, Nudeln mit Ketchup, einem Schafskopf oder einer Weihnachtskarte mit irgendeinem Tier in Weihnachtsmütze. Gerade dadurch bekommen sie ihre Kraft.
Doch ihre Sprache lebt nicht nur von solchen Bildern. Sie lebt vor allem von ihrer Erzählstimme. Nicht alle Figuren bekommen sofort einen Namen. Manche bleiben der "Trecker-Boy", manche Orte nur ein Buchstabe.
Später verbessert sich Marie fast im Gespräch mit dem Leser. „Jetzt habe ich den Namen doch verraten“. Diese kleinen Spielereien schaffen eine ungeheure Nähe. Man hat das Gefühl, Marie sitze neben einem auf dem Sofa und erzähle einfach.
Und genau das macht Annika Büsing für mich so besonders. Sie schaut hinter Meinungen, hinter Etiketten und hinter Schubladen. Dort findet sie den Menschen. Sie schaut genau hin und übersetzt ihre Perspektiven für den Leser durchs Herz.
Selbst dort, wo es politisch wird, verliert der Roman nie den Menschen aus dem Blick. Der Mob vor der Flüchtlingsunterkunft ist bedrohlich, lange bevor Gewalt geschieht. Büsing interessiert sich nicht für spektakuläre Szenen. Sie beschreibt eine Atmosphäre, Körperhaltungen, Blicke und das Wissen, dass Gewalt manchmal schon beginnt, wenn Menschen nur dastehen und darauf warten, dass andere Angst bekommen.
„Magisch“ ist für mich ein außergewöhnlicher Roman über Liebe, Familie, Schuld, Hoffnung und Menschlichkeit. Ein Roman, der Fragen wichtiger nimmt als einfache Antworten und daran erinnert, dass Menschen fast nie eindeutig sind.
Oder wie der Roman selbst sagt:
„Es gilt zu retten, was man liebt.“
Der Roman erinnert daran, dass Liebe nicht perfekt sein muss, um wahr zu sein. Genau deshalb hat mich dieser Roman so tief berührt.
5 von 5 ⭐