Von Glück, Erfolg und Zivilcourage

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
alasca Avatar

Von

„Ich heiße Marie, und ich passe auf Hunde auf, damit verdiene ich mein Geld.“ Huta heißt das Geschäftsmodell, kurz für Hundetagesstätte.

Marie ist nach 15 Jahren zurück in ihre heimatliche Kleinstadt im Ruhrgebiet gezogen und lebt wieder bei ihren Eltern. Auch Paul Magisch ist zurück – er heißt nur mit Nachnamen so, aber zauberhaft ist er trotzdem. Das findet auch Marie – noch immer oder wieder, das ist noch nicht ganz raus am Anfang des Romans. Auch Magisch hat mit Tieren zu tun, allerdings mit toten, die er illegal mithilfe eines alten Freundes beim Krematorium entsorgt.

Dann ist da noch Andi, Maries rechtsextremer Bruder, der Magisch als Teenager krankenhausreif geschlagen hat. Seitdem geht ein Riss durch die Familie – und zunehmend auch durch den Ort.

Obwohl der Roman eine Reihe ernster Themen behandelt, liest er sich unglaublich leicht. Das liegt an dem unverwechselbaren Sound, der mich schon in „Nordstadt“ begeistert hat. Büsings Sprache hat etwas sehr Gesprochenes, sie liest sich so, als würde eine gute Freundin einem nach langer Pause ein Update verpassen. Wie sie das tut, ist obendrein so witzig-rotzig, originell und geradeheraus, dass ich oft laut lachen musste – das passiert mir wirklich höchst selten beim Lesen. Vor allem die Dialoge sind zum Niederknien lebensnah. Hier kranken keine Intellektuellen an hochgeistigen Problemen, hier müssen ganz normale Menschen mit ganz konkreten Herausforderungen fertig werden.

Wie Maries Eltern darunter leiden, von ihrem Nazi-Sohn als linksversiffte Feinde gesehen zu werden, das ist tragisch, weil nicht aufzulösen. Auch Marie kann von ihrem Bruder nicht lassen, obwohl sie ihn herzlich verabscheut. Was also tun? Rache? Oder Klappe halten und das Beste hoffen? Beides ist bei Marie nicht eingebaut. Bei Magisch auch nicht. „Ihm zu helfen, war die Gelegenheit, ihm zu zeigen, dass er keine Macht mehr über mich hat“, das ist Magischs Strategie, mit seinem erklärten Feind umzugehen. Wie es ist, wenn die politische Entwicklung nicht ignoriert werden kann, weil sie sich mitten ins Privatleben drängt, das macht Büsing plastisch nachfühlbar.

Was mir besonders gefiel am Roman war, dass seine Figuren in ihrem Leben so schön in die Irre gehen. Sie haben keinen Masterplan, ihre Träume sind nicht wahr geworden oder viel zu sehr und Plan B gibt´s auch nicht. Sie vertun sich und kehren um und fallen nochmal auf die Nase, bis sie ihren Weg gefunden oder sich in der Sackgasse eingerichtet haben, warum nicht, ist schön ruhig da.

Ein Herz für Loser also? Nicht ganz: In Maries und Magischs Universum ist nicht der (finanzielle oder akademische) Erfolg der Gradmesser für ein gelingendes Leben. Nach schulischem Durchhänger voll eingeklinkt auf der konventionellen Erfolgsschiene muss Marie erkennen, dass sie lediglich dem normativen Druck nachgegeben und sich auf diesem Weg komplett selbst verloren hat. Prompt macht sie kehrt, das muss man sich trauen. Insofern kann Marie (und Magisch ebenso) durchaus als Vorbild dienen – für Echtheit, Zivilcourage und innere Freiheit. Schönes Beispiel für Maries bodenständige Philosophie ist dieses Zitat: „Das ist doch das Beste, einen Moment zu haben, wo man spürt, dass man glücklich ist, und das Gefühl dann von der Leine zu lassen, und es haut nicht ab.“ Wie ihre Pflegehunde.

Der Roman endet offen, aber vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für diese böse Welt? Die Protagonisten sind mir unter der Lektüre so ans Herz gewachsen, dass ich sie nur ungern – und sehr besorgt! – ziehen lasse.

Unbedingte Leseempfehlung!